Blick in den Rück-Spiegel – MerkurR in 7
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Zeiten des rückläufigen Merkur bieten uns reichlich Gelegenheit inne-zu-halten, also uns nach innen zu wenden und zu schweigen. Zeit für einen Blick zurück und für die Bestandsaufnahme zur Orientierung: Wo bin ich überhaupt, wie bin ich an den Punkt gekommen, an dem ich jetzt stehe? Als ob ich den Wagen anhalte und in Ruhe im Rückspiegel betrachte, was hinter mir liegt. Das Symbol für Merkur hat ja schon viel von einem Spiegel…
Die Außenwelt als Spiegel – in der Astrologie ist das 7. Haus der Bereich, in dem uns die Begegnungen mit anderen den Spiegel vorhalten, uns zeigen, was wir außen suchen, weil wir es innen nicht zu finden meinen (oder nicht sehen wollen). Merkur wechselte genau auf der Spitze des 8. Hauses in Opposition zu meiner Sonne-Uranus-Konjunktion die Richtung, als mein Vater starb. Loslassen, Tod und Vergänglichkeit ist ja ein klassisches Thema des 8. Hauses, und Sonne-Uranus stehen in meinem Radix für mein Vater- und auch Partnerbild. So ein Todesfall ist Anlaß zur Rückbesinnung, doch für mich galt das umso mehr, als sich zeitgleich mit dem Tod meines Vaters auch mein Partner von mir trennte.
In meinem Radix herrscht Merkur über die Häuser 3 und 11, d.h. hat die Qualität eines „Merkur-Merkurs“ und eines „Uranus-Merkurs“. MerkurR wandert nun rückwärts durch mein 7. Haus Wassermann, genau bis zum DC. Während ich mich in meiner doppelten Trauerphase neu zu sortieren versuche, räume ich Regale und Schubladen auf, finde Briefe, Buchkopien, Horoskope, die sich über Jahre angesammelt haben. Wie viel ist in meinem Beziehungsbereich geschehen, wie viele Menschen habe ich kennen und lieben gelernt und doch wieder verloren!
Da fallen mir Liebesbriefe eines tibetischen Englischlehrers in die Hände, der sich in einem Exil-Kloster in Kathmandu in mich verguckt hatte und um meine Hand anhält – oder doch wenigstens von mir gesponsort werden möchte, falls ich ihn nicht lieben sollte! Ich bin gerührt über seinen Eifer und Ernst, gleichzeitig lächele ich über seine Naivität und seine Traumwelt. Als ob ich in Indien in einem Flüchtlingscamp leben könnte, mit seiner gesamten Familie auf zwei Zimmer verteilt…
Dann all die Korrespondenz mit dem Nepali, den ich in Köln kennenlernte, in Kathmandu mehrmals besuchte, monatelang durch Deutschland begleitete und ihm trotz Seelenverwandschaft nicht auf seinem von seiner Tradition vorbestimmten Lebensweg folgen konnte – weil ich nicht in seiner Kaste geboren war. Seit Jahren lebt er nun in Amerika, jenseits des großen Teiches – „Es waren zwei Königskinder, die hatten einander so lieb, sie konnten zusammen nicht kommen, das Wasser war viel zu tief.“
Zeugnisse aus der Zeit mit meinem australischen Freund – nein, frischgebackenen Ex-Freund: auch er lebt mit je einem Fuß auf je einer Seite des Globus, nicht ganz hier und nicht ganz dort. Kaum in Australien, hatte er „Heimweh“ nach Deutschland, kaum in Deutschland, guckt er täglich auf die Wetterkarte von Queensland, ob es auf seinem Grundstück dort auf seine frisch gepflanzten Bäume regnen wird.
Heute gesellt sich MerkurR zur Sonne-Chiron-Konjunktion (das Thema hab ich auch im Radix), und mein Verflossener besteht umgehend auf Übergabe meines letzten Möbelstückes. Ergebnis: vor lauter Verletztheit herrscht eisiges Schweigen – dem rückläufigen Merkur hat es die Sprache verschlagen, es gibt kein Abschiedswort.
Aha, noch so ein uranischer Kandidat (Sonne in 11): Der Mann mit dem Doppelleben, der auf Zigeuner im VW-Bus machte, doch sehr an seinem mit eigenen Händen errichteten Häuschen hing, in dem er sich mit seiner Noch-nicht-ganz-und-auch-aus-Steuergründen-wohl-nie-Exfrau abwechselte: nachts war sie dort, tags er. Schließlich kam er auf die Idee, auszuwandern … was er ein paar Wochen bzw. Monate lang tat, bevor er sich vor den Toren von Köln auf einem Bauernhof niederliess. Nur so am Rande: er tauchte letzte Woche pünktlich zum Richtungswechsel von Mars aus der Versenkung auf, in die er bei MarsR vor 2 Jahren verschwunden war – was sind diese Planetenzyklen doch zuverlässig!
Oder Erinnerungen an die unerfüllte Beziehung zu einem Menschen, der gebunden war und sowieso aus diversen Gründen nicht in Frage kam – und doch die Liebe meines Lebens war…
So lege ich für die Zeugnisse jeder Beziehung einen eigenen Ordner an (mein Jungfrau-Merkur aus 3 ist ja schließlich sehr gründlich!). Allerdings mit Einschränkungen: zu den 13 Jahren an der Seite eines Wassermannes, der vom Alter her hätte mein Vater (Sonne) sein können, und einem Sponti-Öko-Weltenbummler-Freak, mit dem ich 9 Jahre zusammen war, fehlen mir die Belege.
Eins ist klar: hier treibt mein Wassermann-DC sein Unwesen treibt: Uranus, der sich nie wirklich einlassen kann, Angst vor Nähe hat, die Abwechslung liebt, immer aus der Reihe tanzt gegen den Rhythmus der Normalität und unerwartet aufbricht zu neuen Höhenflügen. Uranus steht bei mir in Löwe – also im Exil. Ja, das Thema Exil und Außenseitertum wiederholt sich auf verschiedenen Ebenen.
Mein Jungfrau-Merkur hat sogar die Idee, eine Tabelle anzulegen und meine bisherigen Beziehungen auf Gemeinsamkeiten hin zu untersuchen – das Ergebnis ist verblüffend, es finden sich ganze Strickmuster, die sich mit schönster Regelmäßigkeit wiederholen. Doch halt, da fehlt doch noch was, der Vollständigkeit halber: Der Apfel fällt ja bekanntlich nicht weit vom Birnbaum! Schließlich war mein Vater Wassermann und meine Mutter AC Wassermann!
Zuletzt kommt also mein Familien-Buch dran, in dem ich die Ergebnisse meiner Ahnenforschung zusammengetragen habe. Aha, der Groschen fällt: das Exil und der Neuanfang bei Null an anderem Ort zieht sich wie ein roter Faden durch meine Ahnenreihe, schon seit 200 Jahren. Keine Generation wuchs am selben Ort auf wie die vorherige, selbst in Friedenszeiten. Motto: „Das einzig Beständige ist der Wandel“ – also Uranus!
Wer weiß, was ich in meinen Regalen jetzt noch alles finde… Wenn ich auf diese Weise mit Blick auf vergangene Beziehungen mein Leben rückwärts verstehen lerne, kann ich es vielleicht umso bewußter vorwärts leben und sehen, was mir mein Radix nahelegt. Dann werde ich wieder nach vorne schauen, den Zündschlüssel herumdrehen, den Gang einlegen, die Handbremse lösen und meinen Weg fortsetzen – um einige Einsichten reicher.
Yamuna
© 2008 Yamuna @ 5. Februar 2008
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Schlagwörter: Chiron, Deszendent, Haus 7, Mars, Merkur, Merkur-Merkur, Merkur-Uranus, Rückläufigkeit, Sonne in 11, Sonne Konjunktion Chiron, Uranus, Wassermann
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