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1 Kommentar

  1. Barbara Wiehl
    8. Mai 2006 @ 15:21

    Die Rache des Dezendenten oder
    Ich wollte nie so werden wie meine Mutter

    Das Schlimmmste was einer Frau heute gesagt werden kann ist
    “DU BIST WIE DEINE MUTTER”.
    Dieser eine Satz kann eine Frau bis ins Mark erschüttern.
    Denn genau das wollte sie nie..sein wie die Mutter.

    Sie ist dabei wenn eine Frau sich für ihren Beruf entscheidet, gegen oder für eine Karriere, wie sich sich kleidet, welche Frisur sie trägt..welche Männer sie wählt, wenn sie aufbegehrt, leidet oder schweigt.

    Schaue ich auf den Wassermanndc so war da erstmal ein weisser Fleck auf der Landkarte…da prallte alles ab wie bei einer Teflonpfanne.
    Vielleicht fällt es mir heute deshalb immer noch so schwer in einen Spiegel zu schauen…denn ist da überhaupt jemand.?

    Der Mangel eines üblichen Muttervorbildes gab mir aber auch einen gewissen Freiraum…schon recht früh ergriff ich die Nestflucht…wenn ich auch mir einbilde da eine heroische Entscheidung getroffen zu haben hat die welche mir das Leben schenkte kräftig nachgeholfen mich ins rauhe Leben zu entlassen…und dazu recht rabiat

    Geschichte wiederholt sich, diesen Spruch kann ich als eine sich zu entwickelt muessenden Optimistin nicht unbedingt unterschreiben…aber exakt diese Art und Weise Abschied zu nehmen wiederholte sich auf ungewollte Weise …in ungewollten Kontaktabbrüchen….es endete in einem Blitzfeuerwerk …richtig uranisch eben.
    Irgendwann merkte ich das ich garnicht so stolz bin auf meine sogenannte Unabhängigkeit …dieses lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.
    Letzendlich wiederholte ich das Szenario der Durchtrennung der Nabelschnur.
    Und heute….wieso entstand ein Kontakt nach Jahren des Abtauchens genau in jenem Moment als ihre Mutter starb..natürlich hat sie mir das nicht erzählt….ich bekam es durch Zufall raus.
    Der Versuch sich anzunähern wird immer wieder sabotiert von ihrer Seite mit exzentrischen unberechenbaren Verhalten —und ich ärgere mich das ich mich doch immer wieder darauf einlasse, versuche ein Verstehen zu bekommen..um mich besser vestehen zu koennen.
    Noch kann ich ich es tun….denn sie weilt noch unter den Lebenden.
    Sie selber hat es nicht geschafft sich mit ihrer Mutter auszusoehnen.

    Und jede Generation nimmt etwas von der vorherigen mit aber mit der Chance es anders zu machen.

    Liebe Conny,
    War das schoen mal wieder eine literaischen Erguss von dir zu lesen.

    Alles Liebe
    Barbara

Die Rache des Deszendenten

Aus dem Leben | Ein Kommentar |

abbildung“The beginning of the adventure of finding yourself
is to lose your way”
(Joseph Campbell)

Ich erinnere mich genau. Ich war damals mit meinen Eltern im Urlaub. Ich war vierzehn. Wie immer, nach dem gemeinsamen Abendessen, frönte jedes Familienmitglied seinen Hobbies. Jeder ging irgendwie seiner Wege. Mein Vater richtete sich auf einen gemütlichen Kreuzworträtselabend ein und ich machte mich startklar, um das Tanzbein zu schwingen als plötzlich meine Mutter aus dem Nichts heraus ihren Gefühlen freien Lauf lies. Sie sagte etwas von …was habe ich nur für eine Familie…einen Mann, der Kreuzwort rätselt…eine Tochter, die nie da ist…sie will auch mal wieder Tanzen gehen…möchte nicht immer nur funktionieren…möchte mal wieder was erleben….abbildung

Diesem Ausbruch folgte ein kurzes Schweigen, unterbrochen von der Wiederaufnahme der gerade begonnenen Tätigkeiten des jeweiligen Familienmitglieds. Dieser Vorfall wurde unter kurzer Gemütsschwankung abgeheftet und begraben.

Dieses Erlebnis ging mir jedoch sehr viel näher. Spürte ich doch den Drang nach Freiheit seitens meiner Mutter, den Drang, sich lebendig und als Mensch geliebt zu fühlen. Im logischen Selbstschluss assozierte ich danach eine Ehe oder überhaupt eine Beziehung mit den kleinsten Fesseln der Welt, verbunden mit Selbstaufgabe. Ich hatte das typische Rollenspiel von Mann und Frau in der patriarchischen Form abgespeichert und legte den Grundstein für mein Lebensprinzip: Ich wollte nie so enden, nie so fühlen, nie so werden wie meine Mutter!
Jegliche Muttergefühle, Gefühlsduseleien oder gar Träumereien vom Ritter auf dem weißen Pferd wurden von meinem jungfräulichen Aszendenten mit plutonischer Vehemenz wegrationalisiert.

Das Ausleben emotionaler Zuneigung jeglicher Art überließ ich liebend gern meinem Gegenüber. Die Träumereien vom trauten Heim und dem Märchenschluss….und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage…erstickte ich im Keim, indem ich kurzerhand einen Tatsachenbericht aus der Realität lieferte. Ich nahm das Zepter in die Hand und somit die Kontrolle. Menschen, die schier an der Last des Lebens zu zerbrechen drohten, zeigte ich den organisierten Weg aus dem Chaos.

Im Laufe der Jahre hatte ich einen gut funktionierenden Abwehrmechanismus gegen den gegenüberliegenden Fische-Mond entwickelt. Der Wunsch nach Nähe und Vereinigung wurde durch gut durchdachte Selektion des männlichen Gegenparts  als ewige Sehnsucht belassen. Die männliche Kreation Gottes musste vorab einen Fragebogen beantworten und dessen punktuelle Auswertung ermöglichte ihnen den Eintritt in mein Leben, oder auch nicht. Wichtigste Voraussetzung hierbei war, dass jene Geschöpfe bereits in „festen Händen“ waren und somit irgendwie unerreichbar auf längere Sicht. Oder sie befanden sich in kilometerweiter Entfernung, in meinem Fall verstreut in Griechenland, Portugal oder Afrika.

Die der Jungfrau nachgesagte Fähigkeit der Sicherheit und Vorsicht wurde bestens zum Aufbau eines Grenzschutzgebietes vor Emotionen genutzt.

Ich hätte nie gedacht, dass das Sprichwort “Der Krug geht solange zu Brunnen bis er bricht“ ausgerechnet in meinem Leben auf seinen Wahrheitsgehalt hin geprüft werden würde. Die größte Projektionsfläche und somit die Zapfsäule für meinen Lebensmotor wurde mir abrupt genommen. Meine Mutter starb und mit ihr die Person, der ich unbedingt beweisen wollte, dass man auch als nicht den Normen entsprechende Frau seinen Weg gehen kann.
Und so machte ich mich auf den Weg nach einer neuen Bezugsperson, die in mir die langsam schwindenden Fähigkeiten des Überlebenskampfes wieder wachrüttelten sollte. Und, wer sagt`s denn!  Ich fand eine eben solche! Er war ein Chaot, ein Lebemann, ein das Kind im Manne auslebendes Wesen, muskulös und ansehnlich verpackt! Das war genau das richtige! Hier war ich gefragt! Meine Unterstützung, seinem Leben Struktur zu verleihen!

Wenn bei anderen der Begegnungseffekt, dass diese die beste Seite aus einem herausholt gilt, dann habe ich durch meine Begegnung die Kehrseite erlebt. In mir wurden Gefühle und Emotionen hervorgeholt, die ich bis zu jenem Zeitpunkt vehement verleugnete, an deren ruhende Existenz in mir ich nie zu glauben vermochte.

Ich fand meinen Meister! Ich erkannte, dass sich mein Gegenüber auf dieselbe Art und Weise wie ich verteidigte, erkannte, dass er im Unterschied zu mir nicht nur ein Grenzschutzgebiet, sondern gleich ein doppeltes Bollwerk um das Land der Emotionen gebaut hatte. Ich fühlte mit ihm. Ich konnte ihn nur allzugut verstehen. Er tat mir leid und ich wollte ihm helfen.

Ich versuchte es vorab mit dem Appell an die Vernunft, versuchte in einer rational-logischen Form die eventuellen Ausgänge seiner vom Trotz getriebenen Taten zu erklären, redete auf ihn ein, erhob den Zeigefinger. Ich begann, als Wiederkäuer der Worte meiner Mutter zu fungieren. Ich bemerkte, wie Sätze und Vorwürfe im Originalton über meine Lippen kamen und an den Mauern meines Gegenübers zerbarsten. Die Erkenntnis, wie meine Mutter zu agieren, ließen mir den kalten Schauer über den Rücken laufen. Das durfte und konnte nicht sein! Mit Vorwürfen kam ich sowieso nicht weiter! Ich hatte doch gar kein Recht, meinem Partner auch nur annähernd ein unvernünftiges, kindisches Verhalten ohne den Gebrauch seiner Gehirnszellen vorzuwerfen! Er hat schon recht, wenn er darauf mit Rebellion antwortet! Ich hatte es schließlich nicht anders gemacht!

Also beschloss ich, die Taktik zu ändern. Ich wußte, dass ich mit meiner theoretischen Voraussicht Recht hatte. Ich wußte, dass er, wenn er so weiter macht, irgendwann mit einer frontalen Gesichtslandung den Boden küssen würde. Und so wollte ich wenigstens als Stossdämpfer vor dem Aufprall dienen. Nun, diese Aufgabe ist vergleichbar mit jemandem, der mit einem Elefanten in den Porzellanladen geht. Jedesmal, wenn sich der Elefant umschaut und bewegt, zerstört er wegen Missachtung der Platzverhältnisse das dortige Inventar und ich bin nun diejenige, die mit Schaufel und Besen dahinter steht und versucht, die Scherben zusammenzukehren, um sie danach wieder zusammenkleben zu können!

Das ging eine zeitlang gut. Um im Bild zu bleiben, ich konnte einige Vasen wieder kitten. Der Preis dafür war jedoch sehr hoch. Ich konzentrierte mich nur noch auf jenen Elefanten, versuchte im Voraus zu wissen, in welche Richtung er sich dreht um bereits hier die im Wege stehende Vase beiseite stellen zu können. Ich wurde zum Erfüllungsgehilfen der Bedürfnisse meines Partners ohne das dieser überhaupt wußte, jene Bedürfnisse zu haben. Es entstand der Wunsch-von-den-Augen-ablesen Effekt. Und um ja keinen dieser Wünsche zu verpassen, klebte ich genau an diesen und verlor dabei mich und mein Leben aus den Augen. Alles zog an mir vorbei. Ich nahm nichts mehr wahr, nicht einmal mehr die Tatsache, dass sich meine Gefühle und mein Körper gegen all das sträubten, was ich tat. Ich ignorierte alles. Aus dem einstigen Mitgefühl wurde Mitleid. Aus Identifizierung mit meinem Partner eine Infizierung mit ihm. Aus Hilfe wurde Selbstaufgabe.

Ich bemerkte, wie mir physisch die Kraft versagte, wie die kleinen, alltäglichen Dinge des Lebens eine für mich fast unüberwindbare Hürde wurden. Ich ließ alles schleifen, um das bischen Kraft, was mir noch blieb, aufzusparen, falls meine Hilfe anderweitig benötigt wurde. Ja, ich fand mich sogar in Situationen wieder, in welchen ich lethargisch dasass und auf einen Auftrag meines Partners wartete, um etwas zu tun. Ich war ständig in der Poolposition aus Angst, ich könnte gerade mit etwas beschäftigt sein, was mich davon abhalten könnte,  für meinen Partner verfügbar zu sein. Ich war wie ein Boot ohne Steuermann. Ließ mich von Wind und Wellen treiben ohne jeglichen Widerstand.

Das Schlimme an dieser Situation war jedoch, dass ich genau sah, was mit mir passierte, dass ich fühlte, dass hier etwas nicht stimmte! Aber warum konnte ich mich nicht aus diesem Sog befreien? Warum ließ ich das alles zu? Warum lehnte ich mich nicht gegen dieses sinnlose Unterfangen auf? Erkannte ich doch, dass ich für meinen Partner gar nicht mehr unter die Rubrik Mensch fiel! Sah ich doch, dass ich für ihn nichts weiter als eine gut funktionierende Maschine war. Ein verläßlicher Baustein in seinem so wackeligen Dasein! Früher hätte ich doch diese Art seelischer Zerstörung nicht mal annähernd an mich herangelassen? Wo war ich hin? Wo war die Frau, die erhobenen Hauptes ihren Weg ging, die Entscheidungen traf ohne wenn und aber und dazu stand? Wo war der Rebell in mir? Ja, wo war ich eigentlich?

Da meldete sich der Ursprung meiner Motivation. Es war die Stimme der kleinen, aber immernoch lodernden Hoffnung in mir. Der Glaube an das Potential meines Partners. Die Überzeugung, dass wir es zusammen schaffen könnten. Die Zuversicht, alles wird gut.

Die Stimme war leise und ich wollte sie in diesem Moment auch nicht mehr hören. Ich erkannte, ich war hier der alleinige Kämpfer auf weiter Flur. Was nützt es, wenn nur ich den Glauben habe? Was nützt es, wenn nur ich etwas dafür tue?

Ich fühlte mich leer, verbraucht, benutzt, ausgespuckt. Aber etwas in mir brodelte noch vor sich hin. Etwas in mir ließ mich unruhig werden, verwandelte sich in Wut. Etwas in mir schrie: Verdammt, ich will nicht mehr nur funktionieren! Ich will endlich wieder leben!

Eine der nach dem Tsunami gleichende Stille machte sich breit. Es war ruhig. Ich war ruhig. Ich sah in den Spiegel und erkannte:  Ich bin das, gegen was ich die ganze Zeit gekämpft habe. Ich fühlte, was ich nie fühlen wollte. Ich war, was ich nie sein wollte.

Ich fühlte mich zurückversetzt. Ich war im Urlaub mit meinen Eltern. Ich war vierzehn. Wie immer, nach dem gemeinsamen Abendessen, frönte jedes Familienmitglied seinen Hobbies. Jeder ging irgendwie seiner Wege. Als plötzlich meine Mutter aus dem Nichts heraus ihren Gefühlen freien Lauf lies…mit dem Unterschied, dass ich diesmal die Rolle meiner Mutter einnahm. 
 

© 2006 Conny @ 8. Mai 2006

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