Walpurgisnacht!
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In der Nacht auf den ersten Mai geht es rund auf dem Brocken, dem höchsten Berg Deutschlands nördlich der Alpen. Scharen von “Hexen” und “Magiern” feiern den traditionellen Tanz in den Mai. Dass ausgerechnet dieser Berg eine so große Popularität für dieses alte heidnische Fest besitzt, haben wir sehr wahrscheinlich Goethe zu verdanken, der in seinem Faust den Brocken zum Schauplatz des Hexensabbats machte. Dabei gibt es zahllose Orte in Deutschland, die sich “Hexentanzplatz” nennen, viele davon eher versteckt, andere mindestens ebenso populär wie der Brocken, zum Beispiel das “Walberla” in der Nähe von Forchheim am Rande der Fränkischen Schweiz.
“Walberla” – eigentlich trägt diese Erhebung den Namen “Ehrenbürg”, doch in der Mundart wird der Berg auf diese Weise mit der Heiligen Walpurgis verbunden. Hierhin führt uns auch die Spur der Walpurgisnacht, denn der Name Walpurgis geht auf die Heilige Walburga zurück, der auf diesem prominent gelegenen Tafelberg eine Kapelle errichtet wurde. Wie der Zufall es will wurde diese fromme Frau an einem 1. Mai von Papst Hadrian II. heilig gesprochen und so mag es zu einer Identifizierung des alten heidnischen Brauchs mit der Heiligen gekommen sein. Auch wenn es historisch keinen Zusammenhang geben mag, hat sich dieser doch in den Legenden und Sagen der Gegend herausgebildet: So wollte die Heilige Walburga im 8. Jahrhundert auf der Ehrenbürg eine christliche Kapelle bauen – kein Wunder, war dieser Berg schon seit Menschengedenken ein Ort heidnischer Verehrung gewesen. Natürlich ließen sich das die hiesigen Dämenonen nicht gefallen und warfen mit Steinen und Felsbrocken nach der frommen Frau. Wie es sich aber für eine standfeste Missionarin gebührte, ließ sich Walburga nicht beirren und es gelang ihr sogar durch inbrünstiges Beten die bösen Geister dazu zu zwingen, ihr beim Bau der Kapelle zu helfen. Und nun kommt der eigenartige Teil der Geschichte: Sie bedankte sich bei den Dämonen für ihre Dienste. Fortan durften sie jedes Jahr in der Nacht zum ersten Mai ihre Freiheit wiederhaben und ihre Feste dort feiern.
Die Walpurgisnacht gehört möglicherweise in den Reigen heidnischer Jahreszeitenfeste, wie sie zum Beispiel aus der keltischen Tradition noch überliefert werden. Dort heißt dieser Tag Beltaine und wir ebenfalls mit ausgelassenem Tanz und dem Entzünden von riesigen Feuern gefeiert, durch die man dann sprang. Zudem gab man sich in dieser Nacht auch sexuellen Ausschweifungen hin. Vielleicht ist die Walpurgisnacht eine Erinnerung an dieses Fest, denn dass die Kelten die Ehrenbürg besiedelten, ist zweifelsfrei nachgewiesen. Maibräuche wie das Aufstellen des Maibaumes, der Tanz in den Mai sind möglicherweise ebenfalls ein Nachhall dieser alten heidnischen Riten.
Astrologisch gesehen sind solche festen Daten interessant, denn sie finden jährlich immer dann statt, wenn die Sonne an einer bestimmten Stelle der Ekliptik zu stehen kommt. Wichtige astrologisch-astronomische Zeitpunkte werden so definiert, zum Beispiel die Sonnenwenden, wenn die Sonne auf 0 Grad Steinbock oder 0 Grad Krebs steht, oder die Tagundnachtgleichen, wenn sie im Frühling 0 Grad Widder überschreitet oder im Herbst 0 Grad Waage. Die Nacht auf den ersten Mai fällt nun nicht auf einen so herausragenden Zeitpunkt, der sich auch astronomisch begründen lässt, aber es ist in etwa immer die 10 Grad Stier, auf der sich die Sonne befindet.
Welche Bedeutung hat dieser Grad? Werfen wir einen Blick auf die Kritischen Grade nach Michael Roscher: dieser gab den 10 bis 11 Grad der fixen Zeichen die Konstellation Uranus/Neptun. Wofür steht diese Konstellation? Was bedeutet sie?
Uranus – er steht für das transpersonale Prinzip der Erneuerung und Befreiung. Typisch für Uranus ist seine Exzentrizität – das heißt: er rückt die Dinge aus dem Mittelpunkt, nimmt ihnen ihre Stabilität, ihr Gleichgewicht, und das nicht selten auf unvermutete und plötzliche Weise. Uranus verkörpert die Rebellion gegen die bestehenden Umstände, hinterfragt Gewohnheiten und festgefahrene Strukturen. Mit Uranus weichen wir von der Norm ab, nehmen uns die Freiheit, unsere Individualität sichtbar werden zu lassen, um sie für übergeordnete Prozesse, zum Beispiel auf gesellschaftlicher oder kultureller Ebene, bedeutsam zu machen. Uranus zeigt uns in unserem Horoskop, wo ich am wenigsten bereit bin, die Schranken der Gesellschaft zu akzeptieren, und ich das größte Potenzial habe, mein Anderssein als kreativen Impuls für die Fortentwicklung der Welt zu erleben.
Neptun – auch er ist ein transpersonales Prinzip, das heißt eines, das sich grundsätzlich dem aktiven Zugriff durch unsere Persönlichkeit entzieht. Er verkörpert das Prinzip der Auflösung aller Grenzen, macht erfahrbar, was jenseits des Sichtbaren liegen könnte – und führt uns so wieder in einen Zustand zurück, in dem die Welt noch keine Gestalt angenommen hat, in dem alles möglich ist. Neptun ist das Prinzip der maximalen Möglichkeit: wenn alles möglich ist, ist alles gleich gut, gleich wert – nichts sticht hervor, nichts ist besonders, nichts hat eine Bedeutung. Dieser Zustand ist mythologisch vergleichbar mit dem Zustand des Chaos vor der Schöpfung, dem tohu-wa-bohu – die hebräische Bezeichnung für “wüst und leer” als Beschreibung des vorkosmischen Zustandes in der Genesis – vor dem schöpferischen Impuls, der Form in die Gestaltlosigkeit bringt.
Wenn wir beides zusammenbringen: Neptun der Zustand vor der Schöpfung, in dem noch alles möglich ist und noch nichts bestimmt, und Uranus, der Impuls, der das Besondere hervorhebt und schöpferisch auf die Welt einwirkt, haben wir eine wundervolle Beschreibung der Schöpfung selbst – “es werde Licht”. Aus dem Chaos (Neptun) entsteht Kosmos (später: Saturn) durch den Schöpfungswillen (Uranus). Uranus/Neptun steht daher für diesen Augenblick der Schöpfung, in dem der Zustand des Chaos in den Zustand des Kosmos übergeht.
Es ist kein stabiler Zustand, sondern ein äußerst kritischer, denn noch hat das, was hier erschaffen wird, keinerlei Festigkeit und Form – wir wissen noch nicht, ob das, was wir hier entstehen lassen durch unseren Drang, schöpferisch tätig zu sein, auch Bestand haben wird. Aber das interessiert in diesem Moment auch nicht, denn es geht einzig und allein darum: kreativ zu sein, ohne Rücksicht auf Verluste und ohne zu wissen, wofür es gut sein soll oder was daraus erwachsen wird.
Mit diesen Gedanken im Hinterkopf wird vielleicht anschaulich, warum Michael Roscher mit diesem Grad Spontaneität bis hin zur Distanzlosigkeit verbunden hat. Unberechenbarkeit und “zu allem fähig” sind weitere Stichwörter zu diesem Grad. Dass wir auf diesem Grad auch Eigenschaften finden wie, dass man in kein Schema passt und einen extremen Fantasiereichtum aufweist, erscheint ebenfalls schlüssig. Am trefflichsten finde ich aber die Beschreibung: “Wunder werden wahr” – außergewöhnliche Dinge passieren, etwas Unerhörtes gelingt, “nicht von dieser Welt”.
Wenn nun die Sonne auf diesem Grad im Stier (Die Stellung des Grades im Stier betont noch einmal den kreativen auf die konkrete Materie bezogenen Aspekt) steht, werden auf einer ganz allgemeinen Ebene diese Inhalte Jahr für Jahr ausgelöst. Es ist ein Zeitraum, in dem wir dem Wunderbaren begegnen können, dem aber zugleich etwas Chaotisches innewohnt, mit dem wir lernen müssen, schöpferisch umzugehen. Es ist interessant, dass die Riten der Walpurgisnacht, des Beltaine gekennzeichnet sind von dieser ans Chaotische grenzenden Ausgelassenheit, die den christlichen Missionaren so bedrohlich vorkommen musste. Dabei handelt es sich um einen Zeitpunkt, an dem das schöpferische Eingreifen des Menschen in die Prozesse der Natur als besonders wichtig erlebt werden: die Natur entfaltet sich nach dem magischen Verständnis nicht einfach so, sondern bedarf der rituellen Aufmerksamkeit und Aktivität des Menschen. Um den 1. Mai herrscht eine “kosmische Qualität” vor, die das Schöpferische im Menschen betont – und seine Kraft, aus der Quelle des Möglichen das Besondere entstehen zu lassen.
Christopher Weidner.
© 2007 Christopher Weidner @ 2. Mai 2007
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