Wintersonnenwende
Aus dem Leben | Ein Kommentar |

Sonnenaufgang im Winter
Wie jedes Jahr um diese Zeit erreicht die Sonne auf der nördlichen Hemisphäre der Erde ihren tiefsten Stand über dem Horizont. Der Bogen, den sie vom Aufgang im Osten und Untergang im Westen am Himmel beschreibt ist so kurz wie nie: der kürzeste Tag im Jahr. Zugleich herrscht die längste Nacht – die Dunkelheit hat ihren Höhepunkt erreicht. Und doch – auch wenn wir es zunächst nicht bemerken werden: von jetzt an werden die Tage wieder länger, die Sonne wendet ihren Lauf, um bald wieder jeden Tag ein Stückchen weiter nördlich aufzugehen und weiter nördlich unterzugehen. Tiefer kann sie nicht sinken – jetzt kann es nur noch aufwärts gehen …
Seit Menschen den Lauf der Sonne beobachten, markierte die Wintersonnenwende einen ganz besonderen Augenblick im Jahr. Ob in Stonenge in Südengland oder in Goseck in Sachsen-Anhalt – schon in der Steinzeit orientierten unsere Vorfahren ihre Kultstätten nach dem wichtigen Punkt am Horizont, an dem die Sonnen am Tag der Wintersonnenwenden aufgeht. Es ist die Geburt der Sonne, die Geburt des Lichtes in einer Zeit größter Dunkelheit, die dieser Tag verkörpert. Nicht umsonst platzierte die Kirche die Geburt des Heilands auf diesen Tag, der noch im Julianischen Kalender auf den 25.12. fiel.

Steinbock Symbol
Astrologisch entspricht die Wintersonnenwende dem Übergang der Sonne in das Tierkreiszeichen des Steinbock, der in diesem Jahr heute um 18:47 MEZ stattfindet. Kalendarisch entspricht diese dem Winterbeginn. Das Symbol des Steinbocks kann auf der einen Seite als stilisierter Ziegenfisch gesehen werden – die Urform des Steinbocks -, andererseits aber auch als Kraft, die unter der geschlossenen, gefrorenen Oberfläche eingeschlossen ist, aber bereits nach oben drängt. Nun beginnt die kalte Jahreszeit … und doch: weil die Tage wieder länger werden wissen wir: auch dies geht vorüber, wir müssen nur Geduld haben. Wir brauchen jetzt Disziplin und Genügsamkeit, um die Kälte zu überstehen, denn es lohnt sich: Irgendwann wird auch die Eisdecke aufbrechen und das Leben wird sich die Oberfläche zurückerobern. Was wir jetzt lernen ist, sich auf uns selbst zu konzentrieren und zugleich sich der großen Zusammenhänge gewahr zu werden, in die wir alle eingebettet sind. Es ist nicht egal, was der Einzelne denkt, fühlt und handelt – er denkt, fühlt und handelt stets in der Gemeinschaft aller Menschen, mit deren Schicksal er unauflöslich verwoben ist. Sein Leben ist Teil des Ganzen, das ihn zwar einschränkt, aber auch die Gewissheit gibt, dass genau sein Anteil gebraucht wird – das er unersetzlich ist.
Wir leben in Zeiten, vor denen wir als Individuum die Augen verschließen könnten. Wir könnten sagen: “Die Krise – die gibt es nicht für mich. Ich lebe mein Leben und male mir es bunt. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.” Auch wenn ich guter Dinge bin, sollte ich nicht vergessen, dass ich nicht für mich alleine bin auf dieser Welt. Dass alles, was ich habe, alles, was ich bin, ich der Menschheit zu verdanken habe – und dass ich möglicherweise in diese Welt gesendet wurde, um mein Licht in ihr strahlen zu lassen, nicht aus Eitelkeit oder Egoismus, sondern weil diese Welt mein Licht braucht, um ein Stückchen heller zu werden! Wer bin ich da, mich diesem Bedürfnis der Welt zu verweigern? Das ist die Botschaft des Steinbocks: Sei Teil der Welt, weil die Welt dich dringend braucht!
Ich empfinde diese Tage als Möglichkeit, gemeinsam mit der Sonne auch mein Leben zu wenden. Es wieder nach meinem inneren Licht auszurichten, mir wieder klar zu machen, warum ich eigentlich auf der Welt bin – und warum vielleicht all die Sorgen und Nöte, die mich in diesem ausklingenden Jahr auf einer ganz persönlichen Ebene beschäftigt haben, nicht nur Leiden hervorgebracht haben, sondern mich auch auf etwas aufmerksam gemacht haben, was mich nicht nur als Mensch lebendig sein ließ, sondern auch eine Gabe in mir wachgerufen hat, die ich mit anderen teilen möchte. Die Weihnachtszeit ist eine heilige Zeit, vielleicht weil wir in ihr wieder heil werden, uns heilen können – heil werden von der Illusion, nur für uns selbst verantwortlich zu sein.
Ein kleines Ritual kann in diesen Tagen nützlich sein, sich wieder mit dem Bewusstsein zu verbinden, Teil eines großen Ganzen zu sein. Am besten ist es, es bei Sonnenaufgang zu vollziehen und irgendwo im Freien. Wende dich als erstes dem Osten zu, dort, wo die Sonne gerade aufgeht und frage dich: Welche meiner Stärken konnte ich in diesem Jahr besonders gut brauchen? Welche Kraft hat mir in diesem Jahr geholfen, mich gegen alle Unbilden durchzusetzen? Sprich diese Kraft aus und danke ihr. Dann wende dich nach Westen und frage dich: Was habe ich gelernt? Welche Kraft habe ich in mir entdeckt, während ich mich der Welt geöffnet habe? Sprich auch diese Kraft aus und danke ihr. Dann wende dich nach Norden und frage dich: Was wird mir in diesem Jahr den Rücken stärken? Auf welche meiner Eigenschaften, Fähigkeiten und Kräfte möchte ich mich in der nun anbrechenden Zeit vertrauen, möchte sie entwickeln und der Welt zur Verfügung stellen? Spüre diese Kraft in dir aufsteigen und danke ihr, indem du sie aussprichst. Dann wende dich nach Süden und frage dich: Wie soll mein Beitrag in der Welt in der kommenden Zeit aussehen? Was ist mein Ziel? Stelle dir ein Bild dazu vor, sprich es aus und danke diesem Bild. Dann wendest du dich wieder nach Osten zur aufgehenden Sonne und überantwortest ihr deine Wünsche und Hoffnungen. Mögen sie im Laufe des Jahres wachsen und immer stärker werden, wie die Sonne selbst!
Dieses kleine Ritual kann man auch gut mit Freunden machen, dann lohnt es sich einen Kreis der vier Himmelsrichtungen aufzubauen und die Richtungen mit Steinen zu markieren. Man kann Räucherwerk verbrennen und die Gedanken, Gefühle und Bilder zusammen mit dem Rauch in den Himmel aufsteigen lassen. Jeder geht alleine in den Kreis, während sich die anderen im Norden aufstellen und Zeuge sind. Am Schluss gehen alle dreimal um den gesamten Kreis im Uhrzeigersinn – also in Richtung des Sonnenlaufs – und binden so die guten Wünsche zusammen.
Was auch immer wir in diesen Tagen tun: Es kann der Beginn von etwas Neuem sein …
Bild: www.pixelio.de, Fotograf: Andrea Kusajda, Grafik: Christopher Weidner
© 2009 Christopher Weidner @ 21. Dezember 2009
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Schlagwörter: Ritual, Sonnenaufgang, Sonnenwende, Steinbock, Wintersonnenwende
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Lieber Christopher,
was für ein Timing – die Sonnenwende ist genau JETZT! Danke für Deine Gedanken und Anregungen; auch ich feiere jedes Jahr die Sonnenwende, mal mit einer Schwitzhütte, wo ich Steine nach den aktiven Energien taufe, den Ballast des alten Jahres im großen Feuer verbrenne und in der Adlerrunde meine Visionen auf das neue Jahr richte, wo ich in der Bärenrunde nichts tun muß als im Schoß der Erde auszuruhen, bevor ich der weißen Büffelkalbfrau für den Segen danke und Bitten für andere ausspreche..
Oder mit einem buddhistischen Reinigungs-Ritual, das die ganze Nacht hindurch geht, von Sonnenuntergang bis zum ersten Silberstreif am Horizont. Auch hier wird die positive Energie denen gewidmet, die sie dringend brauchen, auch hier liegen Herzenswünsche auf dem Altar mit der Bitte um Segen.
Oder in meinen eigenen vier Wänden mit “lösungsorientiertem Jahresrückblick” à la Christopher und Karten ziehen für das neue Jahr…;-))
viele liebe Grüße und auch Dir ein erfolgreiches und heilsames 2010
Yamuna