Astrologie – das Mögliche wirklich werden lassen
Aus der Praxis | Ein Kommentar |
Dieser Artikel von Sabine Bends und mir spiegelt einige wichtige Punkte, die den gedanklichen Rahmen der Phoenix Astrologie Fachtage vom vergangenen Wochenende für mich bildeten. Er handelt davon, dass wir als astrologische Berater nicht wissen können, was die Wahrheit für unseren Klienten ist, sondern gemeinsam mit ihm an einem kreativen Prozess der Schöpfung der Wirklichkeit beteiligt sind.
Menschen brauchen Ordnung
Wenn jemand zum ersten Mal in eine astrologische Beratung kommt, bewegt ihn oder sie wahrscheinlich eine Frage ganz besonders: Kann der Astrologe mir in die Seele sehen? Kann er das Verborgene ans Tageslicht bringen – nur indem er sich auf ein Gewirr aus Kreisen, Linien und Symbolen, genannt Horoskop, bezieht? Vielleicht erwartet derjenige, zu erfahren, ob er mit einer Kündigung rechnen muss, ob seine Ehe halten wird oder ob er Kinder haben wird. Manche Menschen erhoffen, andere befürchten, vom Astrologen charakterisiert und in Kategorien gesteckt zu werden. “Sie sind treu und verantwortungsbewusst.” “Sie sind sprachbegabt und haben einen leichten Hang zur Oberflächlichkeit.”
All diese Erwartungen und Hoffnungen sind nur zu verständlich. Menschen haben ein natürliches Bedürfnis nach Ordnung. Sie möchten wissen, wo sie hingehören, wo sie im Leben stehen. Sie brauchen Klarheit darüber, welchen Platz sie in der Welt einnehmen. Fehlt die Ordnung, weil uns durch bestimmte Ereignisse der Boden unter den Füßen weg gezogen wird, büßen wir diese Sicherheit ein. An ihre Stelle treten Angst, Nervosität, Verzweiflung, Aggression, Depression und Stress. Ordnung ist lebenswichtig: auf ihr bauen wir ein stabiles und verlässliches Dasein auf. Menschen, die in eine astrologische Beratung kommen, fehlt diese Ordnung zumeist. Sie stellen sich selbst und das Leben, das sie führen, infrage oder fühlen sich vom Leben selbst infrage gestellt. Sie erwarten von der Astrologie so etwas wie eine Rückbindung an die verloren gegangene Ordnung und hoffen, über den Blick ins Horoskop diese Ordnung wieder zu finden.
Was Astrologie uns verspricht
Es ist wohl das erste und älteste Versprechen der Astrologie – das Versprechen der Ordnung. Ordnung ist für die meisten Menschen ein starkes Wort mit einer großen Anziehungskraft. Viele Strömungen, so z.B. auch das “Familienstellen nach Hellinger” beziehen aus diesem Wort ihre Macht: Es wird von “Ordnungen der Liebe”, “Ordnungen des Helfens” gesprochen, was verspricht, Ordnung zu finden, wo sie nicht mehr wahrgenommen werden kann.
Zumeist herrscht der Glaube vor, dass die Ordnung vorgegeben sei. Aufstellungsarbeit oder Astrologie haben so gesehen die Aufgabe, diese Ordnung wieder zu finden. Leiden entsteht, wenn diese vorgegebene Ordnung nicht eingehalten wird. Was wir in der Astrologie der Gegenwart vielfach angeboten bekommen, geht zielstrebig in eine ähnliche bis gleiche Richtung: das Horoskop soll uns die Ordnung zeigen, die in uns angelegt ist, und die Beschäftigung mit dem Horoskop bringt uns wieder in Takt mit der richtigen Ordnung.
Fassen wir diese Meinung zusammen: Das Horoskop ist die Darstellung eines bestimmten Zustandes unseres Sonnensystems ist, zu einer bestimmten Zeit und von einem bestimmten Ort aus gesehen. Diese Darstellung ist geeignet, die Eigenheiten eines Menschen abzubilden. Über das Horoskop als Momentaufnahme des sich in geordneten Zyklen bewegenden Himmels lässt sich ableiten, dass wir Menschen wie alle lebenden Organismen “in die verschiedensten kosmischen Rhythmen eingebettet sind.”1 Daraus ergibt sich, dass Astrologie als ein natürliche Phänomen zu verstehen ist, “das sich nicht grundsätzlich von anderen Zusammenhängen in der Natur unterscheidet.”2
Es wird also angenommen, dass das Horoskop Ausdruck dafür ist, wie wir in die Zusammenhänge passen – was voraussetzt, dass diese Zusammenhänge schon gegeben sind und wir uns in sie einfügen, genau an der Stelle, für die wir vorgesehen sind: Der Zusammenhang zwischen Mensch und Horoskop ist dieser Lesart nach ein natürlicher. Das Horoskop ist dabei eine Art Plan, welcher die Natur des Menschen abbildet. Und auch wenn es nicht die “Sterne” sind, die uns diese Natur einprägen, so können wir doch aus dem Horoskop herauslesen, wer wir wirklich sind. Mit dem Horoskop können wir zu uns selbst finden, das heißt den Weg erschließen, auf dem wir immer mehr das, werden, was in uns angelegt ist, wie wir in einem metaphysischen Sinne “gemeint” sind. Das Horoskop ist eine “Struktur, auf die hin wir uns entwickeln müssen, um ‘heil’, ‘ganz’ oder ‘im Einklang mit unserer innersten Natur’, in diesem Sinne also ‘gesund’ zu sein.”3
Alles in Ordnung?
Aber gibt es diese Ordnung wirklich? An dieser Stelle gibt der Radikale Konstruktivismus eine wohl begründete klare Antwort: Wir können es nicht wissen. Aus konstruktivistischer Sicht ist Ordnung nicht eine Eigenschaft, die den Dingen zueigen ist, sondern eine Eigenschaft des Betrachters, genauer gesagt: eine Eigenschaft der Wahrnehmung des Betrachters. Bedeutet Konstruktivismus etwa, es gäbe keine Welt da draußen, sondern alles wäre nur ein Produkt unserer Fantasie? Mitnichten. Auch der Konstruktivismus geht davon aus, dass es “da draußen” eine Welt gibt. Leider aber können wir diese Welt niemals erkennen, denn: unsere Wahrnehmungen entstehen erst in unserem Kopf als Vorstellungen. Der Konstruktivismus erklärt, dass alles, was wir über unsere Welt wissen, erst von unserem Gehirn zusammen gestellt wird, dass die Art und Weise, wie wir die Welt wahrnehmen, nicht unabhängig ist von dem Beobachter. Die Welt kommt also nicht einfach so in unseren Kopf hinein, ist also nicht ein einfaches Spiegelbild, sondern sie wir von uns aktiv konstruiert.
Ein beliebtes Vorurteil gegenüber dem Konstruktivismus lautet, er würde behaupten, die Welt sei eine Einbildung. Es wird aber nicht die Existenz einer von uns unabhängigen Welt bezweifelt, sondern es wird gesagt, dass wir diese Welt leider nicht wahrnehmen können, wie sie wirklich ist, sondern nur, wie wir sie mit Hilfe unserer Erkenntniswerkzeuge konstruiert haben. Das hat natürlich seine Folgen für das Verständnis von solch mächtigen Begriffen wie “Wahrheit”, die es dieser Denkrichtung nach nicht geben kann – wir wissen einfach nicht, was wahr ist, sondern wir wissen nur, was wir für wahr halten! Ordnung wird nicht gefunden, sie wird von unserem Gehirn erfunden. Auch die Ordnung, die wir im Horoskop eines Menschen zu finden glauben, ist etwas, das erst durch unsere Betrachtung entsteht. Der gesamte astrologische Zusammenhang, den wir zwischen Horoskop und menschlichem Leben herstellen, ist weniger Fakt als Fiktion. Astrologie ist eine Fiktion.
Warum funktioniert diese Fiktion so gut?
Warum sollte aber Astrologie überhaupt funktionieren, wenn sie eine Fiktion ist? Die Antwort ist einfach: Astrologie, und damit ein Horoskop, ist eine vollständige Beschreibung des menschlichen Lebens und aller Bedürfnisse sowie Lebensbereiche durch die astrologische Symbolik. Ein Horoskop enthält alles, was jeder Mensch kennt, alles, das wir als Bestandteile unseres Lebens als Mensch in dieser Welt erleben. Ein Horoskop befasst sich mit unserem körperlichen Befinden genauso wie mit unserem psychischen. Es beinhaltet zwischenmenschliche Beziehungen ebenso wie unseren Platz in der Gesellschaft.
Der Zusammenhang zum persönlichen Leben jedoch wird erst durch uns als Astrologen und den Klienten konstruiert – er entsteht erst in einem schöpferischen Akt, der angeregt wird durch das Horoskop. Daraus folgt natürlich, dass wir auch nicht von einer bestimmten Konstellation auf ein bestimmtes Wesensmerkmal schließen können, nach dem Motto: “Ein Mensch mit Mond-Saturn-Konstellationen ist depressiv veranlagt.” Dies scheint sogar gänzlich unmöglich, denn wir sprechen dem Horoskop die Fähigkeit ab, eine von uns unabhängige Realität abzubilden. Was auch immer wir aus dem Horoskop ablesen: Es findet nicht natürlicherweise seine Entsprechung im Wesen des Klienten. Ein solches “eigentliches” Wesen kann es aus dieser Perspektive nicht geben, zumindest wissen wir nichts davon. Das Horoskop kann kein Schlüssel in die Tiefenstruktur des Menschen sein.
In Wirklichkeit können wir niemals die Oberfläche der Persönlichkeit verlassen, weil wir nicht wissen können, was der Klient eigentlich – “in Wahrheit” – ist. Wir können lediglich eine neue Oberfläche konstruieren, eine alternative Oberfläche, eine Art Experimentierfeld, das wir vorübergehend “das eigentliche Wesen” nennen. Auf diesem Experimentierfeld ist es möglich, neue Zusammenhänge zu denken und auszuprobieren. Wir deuten daher nicht mehr die Konstellation, sondern die Konstellation ist ein Hilfsmittel, das Anliegen unseres Klienten umzudeuten, neu zu deuten, Information zu mehren.
Gemeinsam mit dem Klienten – so könnte man die Zielsetzung einer konstruktivistischen Beratungspraxis vorläufig formulieren – reorganisieren wir die Oberfläche der Persönlichkeit, machen sie reicher an Möglichkeiten, ganz im Sinn des ethischen Imperativs Heinz von Foersters: “Handle stets so, dass die Anzahl der Möglichkeiten wächst.”4
Aus diesem Gedanken heraus ergeben sich folgende Grundideen einer konstruktivistischen Deutungspraxis:
Astrologische Konstellationen haben an sich keine Bedeutung. Ich kann mit ihnen weder den Charakter noch die Zukunft eines Menschen vorhersagen. Astrologie ist also für uns kein Orakel und keine Typologie. Ihre Bedeutung entsteht erst durch uns als Betrachter. Diese Bedeutung ist abhängig vom sozio-kulturellen Rahmen des Betrachters ebenso wie von seiner individuellen Verfasstheit. In diesem Sinne sind die Konstellationen des Horoskops weniger Informationen, sondern mögliche Informationen. Sie werden erst durch den Akt der Beschäftigung mit ihnen zu Informationen. Sie sind mit bestimmten sozio-kulturellen Bildern angereicherte Symbole, das heißt sie sind durch die Überlieferung und durch unsere persönliche Erfahrung zu einem Angebot der Beschreibung der Wirklichkeit geworden – nicht mehr und nicht weniger. Und wir sind der Ansicht, dass dies eine ganze Menge ist.
Das Mögliche wirklich werden lassen
Kommen wir zurück zur Ausgangssituation – dem Gang des Ratsuchenden zum Astrologen. Was bekommt er bei uns anstelle eines Orakels und einer Typologie? Warum sollte er sich überhaupt astrologisch beraten lassen? Die in den meisten Fällen vorhandene Motivation des Horoskopeigners, zum Zeitpunkt der Beratung seinem Leben eine positive Wendung geben zu wollen, ist eine starke Kraft. Mit dieser Kraft gilt es zu arbeiten, wenn er zu uns als Astrologen in die Beratung kommt. Wie können wir dieser Kraft mit Hilfe des Horoskops eine Richtung verleihen?
Die Antwort ist so einfach wie schwierig: Wir brauchen ein Ziel, ein Ideal, auf das hin wir die Kraft kanalisieren können. “Was uns vorwärts zieht, sind nicht abstrakte moralische Prinzipien, sondern das Ideal, wie es sich in den Helden und Heiligen früherer Zeiten verkörpert hat”, schreibt John G. Bennett. Wir müssen uns gewissermaßen zutrauen, zum Helden unserer eigenen Lebensgeschichte zu werden: “Auf diese Weise gewinnt das innere Potenzial zur Transformation, das in jedem Menschen existiert, Gestalt. Es ist das Ideal, das jeden von uns ruft.”5
Eine Beratung trägt die Chance in sich, eine absichtliche Veränderung im Menschen in Gang zu setzen. Um dieser Chance gerecht zu werden, ist es notwendig, eine Strategie zu entwickeln, um die Kraft der Motivation zu organisieren und in die Dienste unserer Absichten zu stellen.
Eine astrologische Beratung im Sinne des eigentlichen Gesprächs kann in ein Schema von fünf Schritten gegliedert werden, die sich wie eine Brücke zwischen dem Ausgangspunkt einer Beratung und ihrem Ziel – die Veränderung der Situation – aufspannen. Sie bilden einen Vorschlag für ein strategisches Vorgehen und werden im folgenden vorgestellt:
Schritt 1: Die Klärung der gegenwärtigen Situation. Hier gilt es herauszufinden, welche Erwartungen der Ratsuchende in die Beratung mitbringt, was ihn belastet. Dem Horoskopeigner sollte hier klar werden, dass der Erfolg der Beratung im Wesentlichen von der Entwicklung eines Zieles abhängt: das heißt von einem Bild in der Zukunft, auf welches er sich zu bewegen und welches er verwirklichen möchte. Die Kraft des Horoskops besteht darin, den Möglichkeitssinn des Ratsuchenden wieder zu wecken und damit die Zukunft für eine positive Veränderung zu öffnen.
Schritt 2: Die Analyse mit Hilfe des Horoskops. Die Aussagen des Klienten werden mit den Konstellationen seines Horoskops verglichen und in der Sprache der Astrologie neu formuliert. An dieser Stelle des Prozesses kommt es darauf an, die problematische Situation für den Klienten als eine Entsprechung zwischen dem Chaos “unten” in der vom Astrologen wahrzunehmenden Ordnung “oben” sichtbar zu machen. Damit sind die Startbedingungen für eine Veränderung geschaffen: die Motivation hat ein Ziel erhalten, weil dem Geborenen klar geworden ist, dass sich sein Problem auf einer höheren Ebene widerspiegelt, in der zugleich die Lösung sichtbar ist.
Schritt 3: Das Horoskop gewinnt eine Eigendynamik und fängt an, den Dialog zwischen Astrologen und Klienten über die Möglichkeiten einer Veränderung zu dirigieren, wie eine dritte, eigenständige Kraft. Dieser merkwürdige Moment, in dem Ratsuchender und Ratgeber sich auf der Ebene des Horoskops treffen, ist der eigentliche Beginn der Beratung, die “Initialzündung”.
Schritt 4: Von der Möglichkeit zur Wirklichkeit. Mit Schritt 4 erreichen wir eine deutliche Zäsur. Das eigentliche Ziel – nach der Beratung – ist nicht durch eine passive Haltung des Rat-Empfängers gekennzeichnet, sondern versetzt ihn in die Lage, die Schwierigkeiten von da an aktiv anzugehen. Zuvor aber muss er an Schritt 4 eine Art inneren Kampf bestehen zwischen den Tendenzen seines alten Lebens, an den Gewohnheiten festzuhalten und dem Inkrafttreten jenes leuchtenden Ideals in der Zukunft, welches nun in greifbare Nähe gerückt ist: Uns geht es darum, den Möglichkeitssinn im Horoskopeigner zu wecken und mit ihm auszumalen, welche Vielfalt an positiven Chancen, welches Potenzial an Veränderung der gegenwärtige Augenblick beinhalten kann, wenn der Klient bereit ist, das Mögliche wirklich werden zu lassen. Das Bild einer idealen Zukunft ist nicht mehr nur ein frommer Wunsch, sondern der entscheidende Impuls auf dem Weg zur Transformation.
Schritt 5: Die Zukunft beginnt. An dieser Stelle hat der Horoskopeigner den Astrologen verlassen. Er weiß vielleicht, dass es schwierig sein wird, aber ihm ist klar, dass er seine Situation getragen von einem Ideal verbessern kann – das Bild einer möglichen erfolgversprechenden Zukunft zieht ihn an. Indem er sich mit seinen neu gewonnenen Erkenntnissen seiner Umwelt gegenüber öffnet, wird es ihm schließlich möglich sein, die eigene Haltung zu verändern und neue Verhaltensmuster zu entwickeln, so dass die Veränderung der ursprünglichen Situation in Angriff genommen werden kann.
- Peter Niehenke, Astrologie, Stuttgart 1994. Seite 27. [↩]
- Peter Niehenke, Astrologie, Stuttgart 1994. Seite 34. [↩]
- Peter Niehenke, Astrologie, Stuttgart 1994. Seite 218. [↩]
- von Foerster, Heinz: Wissen und Gewissen. Frankfurt 1993. S. 49. [↩]
- John G. Bennett: Transformation. Pittenhart o.J. S.105f. [↩]
© 2007 Christopher Weidner @ 28. März 2007
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Schlagwörter: Astrologie-Seiten, Beratung, Deutungspraxis, Fiktion, Horoskop, Konstruktivismus, Möglichkeitssinn, Transformation, Typologie
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Lieber Christopher, das Horoskop als Möglichkeitsraum zu begreifen, der uns nicht einfach festlegt, ist ein wertvoller und wesentlicher Schritt in der Astrologie. Deine Beiträge dazu, wie dieser Artikel, sind ein Meilenstein. Herzliche Brigitte