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Dagmar Wäscher

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Astrologie – das Mittel ohne Maß, und die verlorene Kunst, sich selbst zu sein: Teil 2

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Wir beginnen in der ersten Phase (Widder) mit dem tatkräftigen Entschluss, mehr ein Stück von uns selbst zu sein. Das bedeutet, dass wir einen „alten“ Teil unseres Selbst loslassen müssen, um etwas Neues in uns gebären zu können. Vielleicht sind wir auch ein wenig übermütig und nehmen uns vor, weit über uns hinausschießen zu wollen. Vielleicht klappt es nicht beim ersten Anlauf, doch wir fassen erneut Mut, und wagen etwas Neues. Der Slogan könnte hierfür lauten: Erobere dir ein neues Terrain, ein neues Selbst! Verteidige es auf Schritt und Tritt!

Kaum sind wir uns ein Stück weit näher gekommen, gilt es, dieses kostbare Gut in Sicherheit zu bringen (zweite Phase – Stier). Es ist noch zu neu und fühlt sich unsicher an. Jemand könnte es uns wieder wegnehmen wollen! Wir könnten es verlieren! Wir beschließen demzufolge, es zu beschützen, bis wir eine Stelle erreichen, die uns stutzig werden lässt, und wir fragen uns: ist dieser neue Teil es wert, von uns beschützt zu werden? Verursacht er denn nicht ängstliche Reaktionen von Menschen, die uns immer treu zur Seite standen? Können wir durch diesen Teil mehr Sicherheit und Wertschätzung erhalten? Um Antworten zu erhalten, bleibt uns ein Testlauf nicht erspart.

Wir läuten dadurch die dritte Phase (Zwilling) ein: wir begeben uns voller Neugier mit diesem neuen Selbst in unsere unmittelbare Umgebung, wir drücken den neuen Teil in uns aus und bringen ihn zum Vorschein. Das erste Mal – ein heikler Augenblick! Hier konfrontieren wir uns mit den Reaktionen unseres Umfelds – wie kommen wir an? Waren unsere Ängste berechtigt oder absolut unnötig? Werden wir etwas korrigieren? Oder noch dazufügen? In dieser Phase sind wir sehr flexibel, was Veränderungen an unserem Maßanzug anbelangt, aber es ist eine bewegliche, abgebende Phase. Hier kann unter Umständen, der Versuch sich selbst zu sein, in sich zusammenfallen. Oder aber, und das wäre erwünschenswert, wir beginnen unsere eigene Art unserer Ausdrucksweise anzunehmen, ohne zu werten.

Ein Gefühl des Bei-sich-Ankommens taucht in uns auf (Krebs – vierte Phase). Wir empfinden ein erstes Glücksgefühl und spüren die Kraft unseres Schatzes des Seelenselbst. Jetzt legen wir den Anker und pflanzen die Kostbarkeit in unser Herz, damit sie kräftige Wurzeln schlagen kann. Dieser Prozess beansprucht seine Zeit. Denken Sie an eine Mutter, die endlich ihr neugeborenes Kind in ihren Armen hält. Nur diese Umarmung, mehr bedarf es hier nicht. Wir versinken regelrecht in unserem Seelenselbst, so sehr halten wir es umschlungen. Am liebsten würden wir es nie wieder loslassen, jetzt, da wir bei uns zu Hause angekommen sind.

Nach einer von uns erkannten Zeit sind wir imstande, uns von dieser Umarmung zu lösen. Wir möchten uns mit unserem Seelenselbst präsentieren. Die fünfte Phase (Löwe) hat begonnen. Wir verspüren eine enorme Lebenslust und möchten uns feiern – am besten mit den Menschen, die wir lieben. Souverän begeben wir uns auf das Parkett und lassen uns bestaunen, bejubeln und beglückwünschen. Hier tanken wir Kraft aus der Bestätigung der Anderen, aber auch aus unserem eigenen Bewusstsein, etwas Wichtiges zu sein.

Diese Energie wird uns in der sechsten Phase (Jungfrau) von Nutzem sein, denn hier befinden wir uns schnell wieder im leutseligen Alltag. Nun gilt es, den Schatz bis hierher zu retten. Wie können wir uns dementsprechend in die Alltäglichkeit einbringen? Zu welchem Zweck sind wir auf diese unverkennbare Art zu gebrauchen? Wann gewöhnen wir uns darin, mit uns selbst zu leben? Es ist eine Zeitspanne, die von Zweifel und Kritik geprägt ist, aber es geht uns nicht darum, uns loszuwerden, sondern das richtige Maß zu finden, um unsere kleine Welt verlassen und in die Begegnung gehen zu können.

Noch ist die Wandlung nicht komplett vollzogen. Auf der siebten Stufe (Waage) begegnen wir vielen anderen Sich-selbst-sein-Wollenden. Da wir uns wiederholt in einer abgebenden Phase befinden, geht es hier um das Thema: wie viel von uns selbst und dem Selbst des Gegenübers halten sich im Lot? Wie viele Teile meines Selbst muten wir den anderen zu? Wie viele Teile der Anderen nehmen wir in uns auf? Es ist ein ziemlich wechselseitiger Prozess, der einerseits das Freisetzen unseres Selbst erfordert, andererseits eine Bereitwilligung zu Öffnung und Verletzlichkeit voraussetzt. D.h. obwohl wir uns bereits auf körperlicher und emotionaler Ebene mit unserem neuen Selbst angefreundet haben, ja sogar eine persönliche Einheit und Identifikation mit ihm eingegangen sind, besteht hier die Gefahr, dass wir beschließen, uns aufzugeben. Möglicherweise finden wir die anderen attraktiver und möchten so sein, wie sie, oder wir kommen mit unserer Einmaligkeit nicht bei den Anderen an.

Die siebte Phase ist demnach eine Art Prüfung unseres Selbst. Entscheiden wir uns weiterhin für unsere Wahrhaftigkeit, können wir unsere Reise mit mehr Stabilität fortsetzen. Das beschleunigt ungemein die achte Phase (Skorpion), die uns verhilft, sich mit unseren anderen Seelenteilen zu verbinden. Es ist der Moment, in dem wir uns transformieren und unsere Wurzeln tief in unser Herz einwachsen lassen. Verdorrtes wird jetzt entfernt, aber auch die ersten Ideen lassen sich säen. Ideen, die uns zum ersten Mal eine Vorstellung von uns geben, wie wir als wahrhaftiges Selbst sein werden.

Diese Vorstellung vermittelt uns ein Gefühl von Erhabenheit und Größe, das überwältigend sein kann (neunte Phase – Schütze). Es kann uns passieren, dass unsere Umwelt dagegen protestiert, weil wir den Anschein erwecken, mit zuviel Überheblichkeit durch die Welt zu gehen. Das erinnert mich an die Welt der Comicfiguren, wenn jene sich in bestimmten Gefühlszuständen aufzuplustern beginnen, um einen gefährlichen Eindruck erwecken und ihre Mitspieler an die Wand spielen zu wollen. Tatsächlich laufen wir bei diesem Schritt Gefahr, uns einen größeren Maßanzug zuzulegen, als wir (er)tragen können. Phrasen wie „Mach dich nicht größer als du bist!“ hallen uns dann nach. Zum Glück können sie uns nicht soviel anhaben, denn nun ist es wichtig, die Welt an uns teilhaben zu lassen, und beschenken sie daher mit unseren Gaben.

Wir wollten die Welt im Sturm erobern? Denkste! Wir haben uns erobert, aber wir müssen noch den Prozess in Kauf nehmen, von der Gesellschaft angenommen zu werden. Willkommen in der zehnten Phase (Steinbock)! Hier werden wir, d.h. unser frischgebackenes Selbst, immer wieder geprüft und gerichtet, womöglich sogar gemaßregelt. Halten wir durch? Lassen wir uns Ketten anlegen? Auch in dieser kardinalen Phase können sich unsere ganzen Hoffnungen und Verausgabungen zerschlagen. Nicht umsonst steht der Steinbock ganz „oben“ im Tierkreis: hier fällt es sich am besten und am tiefsten. Trotzdem bekommen wir in der zehnten Entwicklungsstufe wiederholt die Chance, Meisterschaft im Sich-selbst-sein zu erlangen, denn hier muss sich unsere Echtheit in fortwährenden „Komitees“ bewähren.

Wenn wir es in den davor liegenden Phasen geschafft, und in unserem neuen Outfit bessere Stabilität und Ausdauer erreicht haben, dann legen wir unsere Prüfung jetzt mit Bravour ab. Wenn nicht, werden wir noch einige Hürden zu bewältigen haben. Alles, das durch diese Probe auf’s Exempel gelangt, wird von Bestand sein können. Und siehe da: wir sind bereit, Verantwortung für uns selbst und auch für andere zu übernehmen.

Endlich geht es darum, den Teil von uns in die Gemeinschaft einfließen zu lassen, der uns so besonders macht (elfte Stufe – Wassermann), und mit dem wir uns von den anderen unterscheiden. Nun gilt es, diese Energie an die Welt abzugeben. Wenn Sie sich an meine Worte erinnern, dass es immer mehr Energie bedarf, um uns von anderen unterscheiden zu können, dann wird es unversehens durch die elfte Phase transparent. Schließlich besteht die Welt aus vielen Individuen, die sich ihren persönlichen Platz sichern möchten, vorausgesetzt, wir gehen bewusst diese Möglichkeit ein. Voller Freude und Tatendrang machen wir uns ans Werk und bringen uns ein, mit ganzer Seele und voller Idealismus! Doch wie schnell wir wieder auf uns zurückgeworfen werden! Wir befinden uns mitten in der Welt, das bedeutet, die Konkurrenz schläft nicht. Gibt es etwa jemandem, der unsere – ach so schwer erkämpften – Fähigkeiten und Selbstteile noch ausgefeilter beherrscht? Wie kann das sein, wenn wir doch die Profis unserer Echtheit sind? Überlassen wir das Feld jemand anderem, nur weil wir uns einschüchtern lassen? Momentan sind wir uns noch nicht unseres blinden Flecks bewusst, und erkennen nicht, dass entweder wir oder die anderen nicht am „richtigen“ Ort sind, um uns selbst gerecht zu werden. Wenn uns das widerfährt, dann legen wir uns durch unsere eigene Unsicherheit und Einschüchterung Fesseln an. Wir agieren nicht mehr, wir reagieren. Im schlimmsten Fall reagieren wir nur noch auf Reaktionen der anderen, und nehmen uns somit die Chance, selbst bestimmt zu handeln. Da wir uns alle mal mehr oder weniger in diesem Prozess bewegen, gewöhnen wir uns daran, und erinnern uns erst sehr viel später wieder an unsere eigentliche Intention, die uns hierher geführt hat. Erinnern wir uns nicht, nehmen wir eine Rolle im öffentlichen Leben ein, die uns zugewiesen wird. Ich möchte diese Erfahrung als „den Weg der Maske“ bezeichnen, da wir unser Selbst darin schlichtweg opfern, aus Angst, nicht im Anderssein (Echtsein) bestehen zu können. Im Grunde ist es die Angst, ausgestoßen zu werden.

Kaum haben wir die Fesseln unseres „Selbst-Opfers“ gesprengt, sind wir Selbst-los geworden (zwölfte Phase – Fische). Jetzt begreifen wir, wozu das Alles gut gewesen sein soll. Was uns z.B. in unserer Besonderheit auszeichnet, und dass wir mit diesem Selbst gebraucht werden, weil nur wir damit den einen Platz in der Welt ausfüllen können – und der nur uns ausfüllen kann. Gleichzeitig erfüllen wir das „Gesetz“ der Wahrhaftigkeit und besinnen uns der All-Echtheit.
Nennen Sie es Bestimmung, für mich ist es Selbst-Verwirklichung.

Bis wir den einen erfüllenden Platz gefunden und erobert haben, werden wir noch unzählige Male durch den Kreislauf der Wahrhaftigkeit hindurch marschieren müssen. Denn kaum haben wir das „alte“ Selbst abgestreift, schon entdecken wir eine neue, höher entwickelte Möglichkeit, was wir sein könnten. Ich möchte es jedoch nicht versäumen, zu erwähnen, dass sich dieser Kreislauf immer parallel in zahlreichen Kreisläufen abspielt, vergleichbar mit dem scheinbar unsichtbaren Licht, dessen Summe sich aus den Spektralfarben ergibt. Es ist genauso wie wir bestrebt, sich fortwährend aus diversen Lichtfarben zu erneuern und zusammen zu setzen. Schließlich besteht unsere Individualität nicht nur aus einem Fertigbaustein, sondern aus mannigfaltigen Mosaiksteinchen, die alle zur Verwirklichung drängen. Bildlich gesprochen nehmen wir es mit unseren 360 Gradeinteilungen, sprich den 360 Radixklötzchen, in unserem Leben auf. Sie alle werden zu den unterschiedlichsten Zeiten und in jeglichen Lebensbereichen aktiviert und verlangen nach einer Selbst-Antwort. Demzufolge löst eine Veränderung „Korrekturbedarf“ an anderen Selbstanteilen in uns aus, die wiederum ein Gefühl von überproportional großen „Baustellen“ hinterlassen. Manche bezeichnen diesen Zustand als Krise, für mich ist es wahrlich der Höhepunkt auf dem Weg zur Authentizität, denn hier entscheiden wir uns letztendlich, ob wir unserer Wahrhaftigkeit Glanz verleihen oder sie zum Ersterben bringen (ganz ohne Wertung zu verstehen; es gibt eben auch Momente, in denen es um das reine Überleben geht).

Manchmal erneuern wir uns so grundlegend in unserer Selbstheit, dass wir uns nicht wieder erkennen. Den Menschen, denen wir zur Gewohnheit geworden sind, wird es ganz genauso ergehen: „Hast du dich aber verändert!“. Auch wenn es aus manchem Mund wie ein Vorwurf klingen mag, für mich ist diese Bemerkung eines der schönsten Komplimente. Am liebsten würde ich es auf Plakaten drucken und an die Wände unserer Häuser leimen: Mut zur Veränderung! Nein, keine Sorge, wir laufen nicht Gefahr, uns von uns zu entfernen. Im Grunde verändern wir uns gar nicht, wir entpuppen uns nur step by step zu unserer Wahrhaftigkeit, die sich durch die Herausforderungen der Welt schließlich offenbaren wird.

Unser Horoskop ist daher eine einzige Entdeckungsreise zu uns selbst. Indem es uns unsere Authentizität offenbart, obliegt es nur an uns, damit zu experimentieren, um das Bestmögliche aus uns herauszuholen. Da es keinen Maßstab in sich trägt, wie weit oder wie groß wir darin sein können bzw. zu sein brauchen, besteht auch kein Grund, sich mit dem Was-gerade-ist zufrieden zu geben. Unser Horoskop gehört nur uns, nur wir können darin Meisterschaft erlangen, sonst niemand.
Wer einmal auf den Geschmack gekommen ist, der wird nicht eher ruhen, bis er sich selbst erfüllt hat.

Ich schlüpfe in mein Horoskop und betrachte mich im Spiegel. Meine Seele strahlt mir aus meinen Augen entgegen; sie verfärben sich und leuchten in Bernsteinolive. Meine Haut wird ganz weich und entspannt sich. Ja, heute sitzt es perfekt! Es steht mir ausgezeichnet, Schminken fällt daher aus. Ich gehe zur Feier des Tages zu meinem Lieblingsitaliener um die Ecke. Der Kellner kommt mir schon überschwänglich verschmitzt entgegen: „Signora, was darf es heute sein? Einen halben Plutosaurier?“ Ich lache und antworte: „Nein danke! Für mich nur eine Tasse Kaffee und… eine ganze Menge Leben!“.

© 2008 Dagmar Wäscher @ 9. April 2008

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