Im Auge des Betrachters
Gedankensplitter | Ein Kommentar |
Gerade komme ich von der Ausstellung “mit Künstlergespräch” zurück, in einer Gallerie in München in der Nähe des Stiglmaierplatzes. Der Künstler ist der bekannte Maler Wolfgang Koethe, ein interessanter und vielschichtiger Mensch, den ich nun schon eine kleine Weile kenne. Seine aktuellen Bilder beindrucken durch die flächige Gegenwart der Farben: Bilder mit Impressionen aus der Südsee, tanzende Insulaner, exotische Frauen mit Blumenkörben in Kanus, darüber in den Himmel springende Delphine, ein türkisblaues Meer … diese Bilder halten meinen Blick auf und laden mich, in sie einzutauchen, in ihnen aufzugehen.
Doch es sind nicht die Motive, die mich ansprechen – Südsee war noch nie mein Traum. Warum also gefällt es mir? Es ist es etwas anderes in diesem Bild, das mich beschäftigt, etwas das – so scheint es mir – aus den Farben in mein Auge steigt, und dort sich erst zur Bedeutung zusammensetzt. Mir fällt auf, dass dieses Bild für sich genommen keine Bedeutung hat – es ist ein Motiv, irgendeines, aber es hat keine Bedeutung für mich. Die Bedeutung, so merke ich, entsteht in mir, in meinem betrachtenden Auge.
“Ich war nie in der Südsee”, bekennt Wolfgang Koethe. Und ich merke, dass dies völlig gleichgültig ist, denn er hat nicht die Südsee gemalt – das war nicht seine Absicht. Vielmehr hat er ein Kunstwerk geschaffen, dass ohne Bedeutung ist – außer der, die in mir durch die Betrachtung entsteht. Das ist irritierend – und zugleich ahne ich, wo Kunst beginnt und reine Abbildung aufhört.
Ich muss an meine eigene Kunst denken, die Astrologie, an das Horoskop, dass auch vor meinem betrachtenden Auge immer wieder ruht – eine Abbildung. Was aber bildet es ab? Ist das, was es abbildet wirklich in ihm? Liegt die Bedeutung der Symbole in den Symbolen? Ich glaube ich muss mir die Antwort geben: Nein – sie liegt in meinem Auge. Erst in meinem Auge wird das Horoskop zum Bild und in der Betrachtung entsteht Bedeutung.
Ich frage mich: Wenn es keinen Menschen gäbe, der es betrachtet – gäbe es dann das Bild? Und wie sieht es dann mit dem Horoskop aus? Hätte es dann Bedeutung?
Empfehlung: Homepage von Wolfgang Koethe
© 2006 Christopher Weidner @ 6. April 2006
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Schlagwörter: Kunst, Wolfgang Köthe
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Lieber Christopher
Danke für deinen interessanten Artikel
Kunstwerke sind phänomenal, historisch unwirksam, praktisch folgenlos.
Das ist ihre Groesse.
erkannte schon Gottfried Benn
Liebe Grüsse
Barbara