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Dagmar Wäscher

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Stilles Chaos

Aus dem Leben, Gedankensplitter | Noch keine Kommentare |

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Ein Mann sitzt auf einer Parkbank. Seit dem Tod seiner Frau verbringt er jeden Tag hier und wartet. Er wartet auf seine kleine Tochter, die hier in die Schule geht. Er bringt sie jeden Tag in die Schule, wie die vielen anderen Eltern auch – dann wartet er, bis die Kleine wieder das Schulgebäude verlässt. Eigentlich müsste er ins Büro, um seiner Arbeit nachzugehen. Aber es ist ihm egal, er will nur hier bei seiner Tochter bleiben. Seltsamerweise bekommt er keinen Ärger mit seinem Chef oder sonst irgendjemandem. Ganz im Gegenteil: der Chef, seine Kollegen und seine Sekretärin kommen zu ihm, um mit ihm die wichtigen Dinge zu besprechen. Den anderen Teil erledigt er von seinem Handy aus.Während er hier seine Zeit verbringt, lernt er viele der Fremden kennen, die er ansonsten nie kennenlernen würde, und die hier ihren Alltag leben. Wie z.B. Mario, der im Park eine kleine Kaffeebar betreibt, und der für ihn das Mittagessen kocht, obwohl die Bar über keine Speisekarte verfügt. Die junge Frau mit dem riesigen Bernhardiner. Die Frau mit dem mongoloiden Jungen. Er spricht so gut wie nie etwas mit ihnen, aber durch die tägliche Begegnung verbinden sich ihre Lebensläufe miteinander und sie beginnen kleine Rituale aufzubauen, die in ihren Leben an Wichtigkeit gewinnen. Das meiste beginnt durch Zufall. Der Mann schliesst sein Auto mit einem automatischen Elektrosignal ab. Just in diesem Moment laufen der mongoloide Junge mit seiner Mutter daran vorbei. Für den Jungen ist es, als ob ihm das Auto mit dem akustischen Signal und den blinkenden Scheinwerfern grüßen würde, und er winkt zurück und lacht über das ganze Gesicht. Während der Mann seine vielen Besuche von Unbekannten, Freunden, Kollegen, seiner Schwägerin und seinem Bruder erhält, unternimmt er alles, um diesem Jungen mit seinem Auto zuzuwinken.

Es ist für mich die rührendste Geschichte in diesem ganzen Film, der derzeit in den deutschen Kinos angelaufen ist. Jetzt könnte man sagen, naja, das ist ja unwirklich, kann auch nur so in einem Film dargestellt werden. Denn wer bleibt schon von seiner Dienststelle einfach auf Dauer zuhause oder in einem Park, ohne dass es Konsequenzen nach sich ziehen würde? Okay, ich habe es auch noch nicht ausprobiert. Aber bei all den Dingen, von denen ich immer dachte, das darf ich doch nicht oder das geht doch nicht, und wenn doch, dann passiert etwas ganz Schreckliches – bei all diesen Dingen, die ich mich traute oder zu denen ich gestossen wurde, ist mir nie etwas Schlimmes widerfahren. Ganz im Gegenteil, ich erhielt Verständnis.

Aus dieser Erfahrung überdenke ich oft meine unzähligen inneren Glaubenssätze. Wer schreibt uns eigentlich vor, dass man dies und jenes nicht machen darf? Steht es in einem Gesetz? Hat uns das irgendjemand direkt gesagt? Und ich stelle in den allermeisten Fällen fest, dass ich es mir selbst auferlegt habe. Wenn ich mir etwas selbst verschrieben habe, dann bin ich doch auch diejenige, die sich daraus befreien kann, unabhängig davon, ob sich meine Einstellung als angenehm oder unangenehm anfühlt. Der innere selbstgemachte Druck zwingt mich so oder so dies zu erfüllen. Welcher Tyrann in mir ist hier also am Werk?

Heute kann ich ihm zulächeln, meinem Saturn, denn heute weiß ich, dass ich ihm oft Dinge auferlegt habe, die nicht in seine Zuständigkeit fallen. Immer wenn ich mir dessen bewusst werde, frage ich ihn, was denn MEINE wirkliche Verpflichtung ist, über die ich Verantwortung übernehmen sollte, anstatt Pflichten zu erfüllen, die mir andere übergestülpt haben und die ich bereitwillig als echt empfinde. Das Wenigste, was wir glauben, sein zu müssen, müssen wir wirklich sein. Deswegen empfinden wir die Saturn-Transite oft als Druck und als innere Zwangsjacke. Weil er uns darauf aufmerksam machen will, dass wir Teile der anderen leben, anstatt uns selbst. Er möchte, und wahrlich: er wünscht es sich aus ganzem Herzen, dass wir endlich damit beginnen, sich uns selbst verpflichtet zu fühlen. Entgegen all dessen zu leben, was uns von uns trennt. Schwierig in Zeiten, in denen uns ein schlechtes Gewissen dafür gemacht wird. Dann ist es gut zu wissen, dass ich meinem eigenen Gewissen verpflichtet bin und das kooperiert nicht immer mit dem Gewissen meiner Mitmenschen.

Aus meinem inneren Tyrann ist auf diese Weise ein wundersamer Lehrer und Führer geworden. Mit Uranus im Bunde zeugen sie täglich mindestens ein stilles Chaos in mir. Der eine befreit mich von einem Müssen, der andere bringt mich dazu, das Müssen zu küssen. Aber Müssen ist nicht gleich müssen. Ich muss mich in den seltensten Fällen gleich heute für etwas entscheiden. Ich kann mir Zeit dafür nehmen, um Entscheidungen zu treffen, die mit mir zu tun haben. Auch das wird in dem Film gut transponiert. Innehalten. Das automatisierte Funktionieren unterbrechen. In sich gehen. Ohne etwas zu tun.

Auch ohne Druck von außen wird es einen Tag geben, an dem es gut ist, wieder zu handeln. Aber ich werde wissen, wenn es soweit ist. Denn alles braucht seine Zeit, auch das Nicht-Handeln.

Wer möchte kann sich heute und in den nächsten Tagen einfach mal eine Auszeit nehmen, bevor Mars in das Zeichen Wassermann eintritt. Er überschreitet dann den Grad 0° Wassermann – eine Saturn/Uranus-Entsprechung. Vielleicht eine gute Zeit, etwas zu unterbrechen, um herauszufinden, was anstattdessen sein soll.

Auch der Mann im Film gelangt an einem bestimmten Tag zu dem Entschluss, dass seine Unterbrechung in dieser Sache zu Ende ist. Und dass es Zeit ist, zu handeln.

© 2009 Dagmar Wäscher @ 31. Januar 2009

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