Mondknoten
Glossar | Ein Kommentar |
Der Himmelsdrache
Die Umlaufbahn des Mondes um die Erde ist um etwa 5° zur Ekliptik geneigt. Dadurch ergeben sich zwei genau gegenüberliegende Schnittpunkte zwischen der Mondbahn und der scheinbaren Umlaufbahn der Sonne um die Erde: diese beiden Punkte werden die Mondknoten genannt und die Achse, welche beide verbindet, Mondknotenachse. Der Mondknoten, den der Mond bei seinem Umlauf in nördlicher Richtung aufsteigend passiert, heißt aufsteigender oder nördlicher Mondknoten. Umgekehrt nennt sich der Mondknoten, den der Mond in absteigender, südlicher Richtung überquert, entsprechend absteigender oder südlicher Mondknoten.
In der Astrologie haben sich anstelle dieser recht technischen Ausdrucksweise auch andere Namen durchgesetzt: So heißt der aufsteigende Mondknoten Drachenkopf und der absteigende Mondknoten Drachenschwanz.
Wie kommt es zu diesen Namen, die sich so gar nicht nach astronomischer Fachsprache anhören? Dazu muss man wissen, dass die Mondknoten für die Berechnung von Finsternissen von großer Bedeutung sind und man mit ihnen diese Ereignisse präzise voraussagen konnte: Stand der Neumond (die Konjunktion von Sonne und Mond) in der Nähe eines der Mondknoten, kam es zur Sonnenfinsternis, war es der Vollmond (die Opposition zwischen Sonne und Mond), zeigte sich eine Mondfinsternis. In der Astrologie sind Finsternisse schon von Alters her sehr wichtige Ereignisse, denen man mit Furcht entgegen sah, denn man nahm an, daß sie Vorboten großen Unglücks seien.
Sonne und Mond – diese beiden Gestirne standen schon immer durch ihre auffällige Erscheinung für die wohl bestimmte Ordnung des Universums: das Leben auf der Erde folgt ihrem Taktschlag und dient dem Menschen als Grundlage für ein geregeltes Leben in Form von Kalendern und Uhren. Die Verdunkelung dieser Gestirne mußte große Angst vor einem Einbruch des Chaos auslösen, vor der Umkehr aller Unordnung. In fast allen Mythologien wird dieses Chaos durch Ungeheuer dargestellt, welche Sonne und Mond hinterher jagen und sie zu verschlingen drohen, z.B. ein Wolf in der nordischen Sagenwelt – oder der Drache.
Die Mondknoten kommen zustande, weil die Umlaufbahn des Mondes die scheinbare Bahn der Sonne einmal beim Aufsteigen über die Ekliptik (Richtung Himmelsnordpol) und einmal beim Absteigen unter die Ekliptik (Richtung Himmelssüdpol) kreuzt. Daraus ergibt sich eine schlangenförmige Linie – möglicherweise das Vorbild für den Schlangendrachen.
Dieser Chaosdrache reißt ein dunkles Loch in die Ekliptik, wenn er die Sonne und den Mond verschlingt: wenn er von seiner Beute wieder abläßt, kehrt die alte Ordnung zwar allmählich wieder, aber sie ist empfindlich gestört worden und viele Dinge werden nicht mehr so sein, wie sie vor der Verfinsterung des Lichtes waren. Finsternisse sind verhältnismäßig seltene Ereignisse und spiegeln den Triumph des Chaos über die Ordnung. Das Chaos – so berichten es die Mythen – herrschte vor dem Kosmos. Durch die Erschaffung der Welt wurde das Chaos an den Rand des Kosmos verdrängt, wo es heute noch lauert und hin und wieder seinen Kopf in die Ordnung der Welt reckt. In diesen Momenten wird den Menschen bewußt, daß es eine fest gefügte Ordnung nicht gibt, daß die Verläßlichkeit der Welt eine Illusion ist und das Leben, ehe man es sich versieht, eine völlig unerwartete Wende nehmen kann.
Astrologie selbst entstand als Antwort auf das menschliche Bedürfnis nach Ordnung in der Unüberschaubarkeit des Daseins. Dazu bedient sie sich der Regelmäßigkeit himmlischer Zyklen, allen voran von Sonne und Mond. Das große Symbol der Ordnung ist in der Astrologie der Tierkreis mit seinen Symmetrien und seiner klaren Gliederungen. Zwei Punkte jedoch bleiben als Berührungspunkte mit dem Chaos, aus dem die Welt entstand: die Drachenpunkte. Die Mondknotenachse bindet den Kosmos wie eine Nabelschnur an seinen Ursprung im Chaos: wie durch eine Pforte kann hier das Unwägbare und das Zufällige in unsere Welt einbrechen und die Karten neu mischen, ohne daß wir Einfluß darauf nehmen könnten. Die Mondknoten sind wie „Wurmlöcher“, wie Pforten in ein anderes Universums und es kommt ganz darauf an, welches Verhältnis wir zu den Themen Chaos und Zufall entwickelt, ob wir Angst bei dem Gedanken verspüren, die gewohnte Ordnung könne einfach so wegbrechen, oder die Chance erkenne, daß immer wieder ein Neuanfang möglich ist.
Drachenkopf und Drachenschwanz
Die Mondknotenachse ist wie ein Kanal der sich vom Drachenkopf (nördlicher Mondknoten) bis zum Drachenschwanz (südlicher Mondknoten) erstreckt: am Drachenkopf richten wir den Blick nach vorne und blicken in eine ungewisse Zukunft auf die noch zu bewältigenden Aufgaben unseres Lebens – hier lassen wir das Chaos in unser Leben hinein; am Drachenschwanz scheiden wir das Verwertete wieder aus, nachdem wir es seiner Nährstoffe beraubt und es für uns entwertet haben – wir geben das Chaos dem Universum wieder zurück. In den meisten Lehrbüchern ist viel von Karma im Zusammenhang mit den Mondknoten die Rede: Hier soll der Südknoten für unsere vergangenen Inkarnationen stehen, während der Nordknoten die künftigen Leben beschreibt. Im Unterschied zu dieser Auslegung wird der Mensch jedoch nicht durch das bestimmt, was hinter ihm liegt, sondern durch das, was vor ihm in der Zukunft liegt! Wir werden nicht vom Südknoten in Richtung Nordknoten gedrückt werden, von der Vergangenheit in die Zukunft, sondern vom dem, was sich am Drachenkopf offenbart, in Richtung Zukunft gezogen. Wenn man so will, bestimmt nun nicht mehr die Vergangenheit das Leben des Menschen, sondern seine Zukunft, also das, worauf er seine Absicht gerichtet hat
Was uns dem Drachenkopf entgegenströmt, ist reine Zukunft, reines Potential, der Urstoff des Lebens, in welchem keine Unterschiede existieren, wie im Chaos als Urzustand der Welt, der Ursuppe des Lebens. Wir beißen förmlich das Chaos hinein, nehmen es auf und werden dazu aufgefordert, daraus unser eigenes Leben zu gestalten. Das undifferenzierte Chaos bekommt durch unser Leben erst Sinn und Gestalt. Am Drachenschwanz geben wir das verbrauchte Material wieder frei, entledigen uns aller Gewohnheiten, aller festen Vorstellungen und Gewissheiten, und zwar um Platz zu schaffen für neue Nahrung aus dem Chaos. Denken Sie sich einen Regenwurm, welcher mit seinem Maul in die frische Erde beißt und an ihrem Hinterteil verbraucht wieder freigibt – er stößt sich am Vergangenen ab und genau dies ist das Geheimnis seiner Fortbewegung! Unser Leben ist vielleicht so etwas wie eine Durchgangsstation für das Chaos, denn am anderen Ende setzen wir nichts anderes als wiederum Chaos frei – Zufälle, die nun keine Bedeutung mehr für uns haben – aber vielleicht für andere …
© 2007 Christopher Weidner @ 4. Juli 2007
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Schlagwörter: absteigender Mondknoten, aufsteigender Mondknoten, Drachenbauch, Drachenkopf, Drachenschwanz, Mond, Mondknoten, Mondknotenachse, Nordknoten, Südknoten, Sonne
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