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Sabine Bends

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2 Kommentare

  1. Barbara Wiehl
    5. Juni 2007 @ 16:41

    “Ich möchte ganz einfach sein.

    Tu, was deine Hand zu tun findet und denke nicht voraus.
    Also machen wir jetzt das Bett und bringen dann die Tasse in die Küche. Danach sehen wir weiter. Tu was deine Hand und dein Geist zu tun finden , tauche unter in jeder Stunde und verschwende nicht dein Denken, deine Ängste und Sorgen an die kommenden Stunden.”
    Nicht es sich einfach machen, sondern selbst einfach sein.”
    ( Etty Hillesum)

    Liebe Sabine

    Wenn es “Zufälle ” gibt–dann ist dies ein solcher. Dein heutiger Eintrag und die Erinnerung an diese grossartige Frau. Das hatte mich veranlasst Sätze von ihr auszugraben , die gerade am heutigen Tag mir so passend erscheinen. In einer Zeit wo das Leben im Ungewissen und das Auf sich selbst Zurückgeworfen Sein spürbarer sich zeigt.

    ” Die nackte Haut retten..wenn das nur zählt,, wird man intensiv mit dem Ich konfrontiert. Man muss mit sich selbst leben , als lebe man mit einem ganzen Volk von Menschen. Und an sich selbst lernt man alle guten und schlechten Eigenschaften kennen” ( Elly Hllesum)
    Vielen Dank Sabine.
    Das hat mich jetzt richtig aufgebaut….gut, das wir uns immer wieder mal gegenseitig daran erinnern, wenn uns der Mut vielleicht mal verlassen will.
    Barbara

  2. Sabine Bends
    Sabine Bends
    11. Juni 2007 @ 11:10

    Liebe Barbara,

    ….das freut mich. Manchmal weiß man nicht genau, warum man tut, was man tut. Es tut mir gut zu hören, wenn es eine andere Seele im Kosmos berührt. Ich vertraue zwar immer darauf, dass dies ohnehin so ist, aber ich freue mich dann doch, es auch zu hören oder zu lesen. Der tiefste Wunsch des Menschen ist doch irgendwie, anderen Wesen nahe zu sein und ihnen zu helfen, oder?

    Ich drück dich mal aus der Ferne.
    Sabine

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abbildungLiebe Etty,

wenn es nur ein einziges, dünnes Taschenbuch wäre, das ich an einen fremden Ort mitnehmen könnte, wären es deine Tagebücher. Wenn ich mich demnächst mal wieder wortlos und unverstanden fühle, dann kann ich sagen: “Lies Etty und du wirst mich besser verstehen.” Wenn ich mir mal wieder seltsam und unnormal vorkomme, an mir zweifle oder traurig bin, dann schlage ich dein Buch an einer beliebigen Seite auf und es geht mir sofort besser. Wenn ich mal wieder ärgerlich und zornig bin, ungerecht, disziplinlos, unbescheiden, anmaßend oder unzufrieden, denke ich einfach an dich. Wenn ich mein Leben mit dem anderer vergleiche und dabei schlecht abschneide, wenn ich meinen Ansprüchen nicht gerecht werde, ungeduldig bin, nicht weiter weiß, denke ich einfach an dich. Wenn ich denke, dass mir etwas fehlt, wenn ich meine, etwas müsste anders sein als es ist, dann bist du da. Ich kann mir kein schöneres Vorbild wünschen als dich. Danke für alles.
Sabine

Das denkende Herz – Die Tagebücher von Etty Hillesum 1941-1943

“[...] 1. Juli 1942 Gut, diese neue Gewißheit, daß man unsere totale Vernichtung will, nehme ich hin. Ich weiß es nun. Ich werden den anderen mit meinen Ängsten nicht zur Last fallen, ich werde nicht verbittert sein, wenn die anderen nicht begreifen, worum es bei uns Juden geht. Die eine Gewißheit darf durch die andere weder angetastet noch entkräftet werden. Ich arbeite und lebe weiter mit derselben Überzeugtheit und finde das Leben sinnvoll, trotzdem sinnvoll, auch wenn ich mir das kaum noch in Gesellschaft zu sagen getraue.

[...] Ach,wir tragen ja alles mit uns, Gott und den Himmel, Hölle und Erde, Leben und Tod und Jahrhunderte, viele Jahrhunderte. Die Kulissen und die Handlung der äußeren Umstände wechseln. Aber wir tragen alles in uns, und die Umstände sind nicht entscheidend, niemals, da es immer Umstände gibt, gute oder schlechte, und mit der Tatsache, daß es gute und schlechte Umstände gibt, muß man sich abfinden, was nicht hindert, daß man sein Leben für die Verbesserung der Umstände einsetzt. Aber man muß sich im klaren darüber sein, aus welchen Motiven man den Kampf aufnimmt, und man muß bei sich selbst anfangen, jeden Tag von neuem bei sich selbst.

[...] 23. September 1942 Klaas, ich wollte dir eigentlich nur sagen: Wir haben noch so viel mit uns selbst zu tun, daß wir uns dem Haß gegen unsere sogenannten Feinde noch gar nicht überlassen können. Wird sind noch einer des anderen Feind. Und ich selbst bin auch nicht frei davon [...] Und Klaas machte eine müde, mutlose Geste und sagte: Aber was du willst, dauert zu lange, so viel Zeit haben wir doch nicht? Und ich antwortete: Aber mit dem, was du willst, beschäftigt man sich nun schon seit zweitausend Jahren unserer christlichen Zeitrechnung, abgesehen von den vielen Jahrtausenden vorher, in der es ja auch schon eine Menschheit gab. Und was hältst du von dem Ergebnis, wenn ich fragen darf? Und ich weiderholte mit derselben Leidenschaftlichkeit wie immer, obwohl ich mir allmählich langweilige vorkam, weil bei mir immer alles auf dasselbe hinausläuft: Es ist die einzige Möglichkeit, Klaas, ich sehe keinen anderen Weg, als daß jeder von uns Einkehr hält in sich selbst und all dasjenige in sich ausrottet und vernichtet, was ihn zu der Überzeugung führt, andere vernichten zu müssen. Wir müssen durchdrungen sein von dem Gedanken, daß jeder Funken Haß, den wir zu der Welt hinzufügen, sie noch unwirtlicher macht, als sie ohnehin ist. Und Klaas, der alte, verbissene Klassenkämpfer, sagte entrüstet und erstaunt zugleich: Ja, aber das – aber das wäre ja wieder das Christentum! Und ich, über so viel plötzliche Verwirrung amüsiert, sagte ganz gelassen: Ja, warum auch eigentlich nicht – Christentum?

[...] 26. September Ich danke dir, mein Gott daß ich eines deiner Geschöpfte so vollständig an Leib und Seele erkennen durfte. Ich muß dir noch viel mehr überlassen, mein Gott. Auch keine Bedingungen an dich stellen: Wenn ich nur gesund bleibe, dann … Auch wenn ich nicht gesund bin, muß ich mein Leben dennoch weiterleben, und zwar so gut wie möglich. Ich kann doch keine Forderungen stellen. Ich werde es auch nicht tun. Und in dem Augenblick, als ich sie aus der Hand gab, wurden meine Magenschmerzen auf einmal wesentlich besser.

[...]12. Oktober 1942 Manchmal bricht plötzlich überall die Dankbarkeit in vollen Flammen in mir aus, wenn wie jetzt, die Freundschaften und Menschen des vergangenen Jahres in überwältigender und ganzer Größe vor mir erstehen. Und jetzt bin ich, was man krank und blutarm und mehr oder weniger bettlägerig nennt, und doch ist jede Minute ausgefüllt und fruchtbar, wie soll das erst werden, wenn ich wieder gesund bin? Ich muß es dir immer wieder aufs neue zujubeln, mein Gott: ich bin dir so dankbar, daß du mir ein solches leben schenken willst.

[...] Ich habe meinen Körper wie Brot gebrochen und unter den Männern ausgeteilt. Warum auch nicht, sie waren ja so hungrig und hatten schon so lange darben müssen.

Man möchte ein Pflaster auf vielen Wunden sein.”

Etty wurde am 15. Januar 1914 in Middelburg geboren und starb 1943 in Auschwitz.
Sabine Bends

© 2007 Sabine Bends @ 5. Juni 2007

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