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Sabine Bends

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Das elfte Haus

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Von Enten, Wildgänsen und Schwänen

Kennen Sie das Märchen vom hässlichen Entlein von Hans Christian Andersen? In dieser Geschichte geht es um ein Entenküken, das seiner Mutter von Anfang an Kummer bereitet. Schon das Ei ist ungewöhnlich groß und lässt sich nur schwer ausbrüten. Das Küken, das dort herauskrabbelt, ist ebenso groß und außerdem ganz grau und hässlich. Seine Mutter findet sich mit ihrem Kükenkind zwar ganz gut ab, doch die Entengemeinde stößt das arme Tier nur herum, hänselt und beißt es. Als schließlich auch die Mutter und seine Geschwister es nicht mehr um sich haben wollen, glaubt das Entlein langsam selbst an seine Hässlichkeit und läuft eines Tages von zu Hause fort. Doch überall begegnet man ihm mit Spott und Hohn, niemandem kann es das Entlein Recht machen. Die Wildgänse mögen es nicht, einem Jagdhund entkommt es nur mit Not und auch bei einer Bauersfrau mit Katze und Huhn findet es kein Verständnis. Das Entlein lernt überall nur, was es alles nicht kann: keine Eier legen, keinen Buckel machen, nicht schnurren… Keiner versteht sein wahres Wesen, überall sieht es sich verstoßen und ungeliebt.

Eines Abends im Herbst sieht es einen Schwarm von wunderschönen weißen, großen Vögeln gen Süden ziehen. Eine Sehnsucht packt das Entlein und eine ungeahnte Liebe zu diesen unbekannten, schönen Tieren durchflutet es. Es übersteht mit viel Mühe den Winter und wäre beinahe erfroren, hätte ein Bauer es nicht in letzter Sekunde gerettet. Im Frühling sieht es die wunderbaren weißen Vögel auf einmal wieder – es sind Schwäne. Und wieder überkommt unser hässliches Entlein eine Sehnsucht und es möchte sich zu den schönen Tieren gesellen. Doch traut es sich kaum, sich ihnen zu nähern, in all seiner Hässlichkeit. Als es sich schließlich doch dazu entschließen kann – todesmutig – sieht es auf einmal unter sich im Wasser sein eigenes Bild. Und da ist kein graues Entlein mehr, sondern einen jungen Schwan! Und der Schwan wird nicht nur wohlwollend von den anderen Schwänen aufgenommen, sondern zieht auch noch die Bewunderung aller Menschen auf sich, weil er so jung und schön ist. Endlich weiß er, wo er hingehört!

Zu wissen, wo wir hingehören – das ist die Aufgabe unseres elften Hauses. Gegenüber, im fünften Haus, entdecken wir unsere Einzigartigkeit. Wir finden heraus, ob wir ein Schwan oder eine Ente sind, ob es uns Freude macht zu schwimmen oder zu fliegen, zu krabbeln oder zu jagen. Wenn wir das herausgefunden haben und uns in unserer Einzigartigkeit selbst erkannt haben, brauchen wir aber immer noch den richtigen Rahmen, um unsere Einzigartigkeit auch entfalten zu können. Im elften Haus befinden wir uns schließlich im vierten Quadranten, in dem Teil des Horoskops, wo wir uns mit der Welt verbinden und an ihr teilhaben. Unsere entwickelte Individualität ist nicht ausschließlich dazu gedacht, uns ganz allein zu erfreuen. Wir alle haben einen Beitrag zu leisten, brauchen eine Gemeinschaft, der wir angehören und in deren Rahmen wir unsere persönlichen Gaben mit denen anderer zu etwas Größerem verbinden können. Einer allein kann niemals so viel erreichen wie viele zusammen.

Die Gemeinschaft, die wir im elften Haus suchen, kann eine Art Wahlfamilie sein, wie sie sich das Entlein sucht. Nicht immer fühlen wir uns in der Familie, in die wir geboren werden, wirklich heimisch und in unserer Einzigartigkeit anerkannt. Wenn das so ist, begeben wir uns irgendwann auf die Suche nach der Familie unserer Wahl, die wirklich zu uns passt. Die Gemeinschaft des elften Hauses können Freunde und Gleichgesinnte sein, die uns in unserem Wesen verstehen. Selbst wenn wir uns in unserer Familie gut aufgehoben fühlen, so gibt es im Laufe unserer Entwicklung doch das Bedürfnis, besondere Aspekte unseres Lebens, besondere Interessen mit besonderen Menschen zu teilen. Wer gern angelt, geht vielleicht in einen Anglerclub, wer gern liest, tritt einem literarischen Zirkel bei. Wir möchten das Besondere, das Einzigartige, das uns ausmacht, mit anderen teilen und unsere Fähigkeiten dabei gleichzeitig erweitern. Insofern ist das elfte Haus ein bisschen wie der verlängerte Arm des fünften.

Doch das elfte Haus folgt auch auf das zehnte. Im zehnten Haus bestimmen wir unseren Kurs in der Außenwelt, wählen wir ein Position, eine Aufgabe, vielleicht einen Beruf oder folgen gar unserer Berufung. Diese gewählte Aufgabe, zusammen mit unserer Kreativität und Einzigartigkeit, stellen wir im elften Haus daher unter Umständen auch einer Gemeinschaft zur Verfügung, in der es nicht nur die Stärkung unserer persönlichen Interessen geht, sondern die einen gesellschaftlichen Auftrag verfolgt. Wenn ich es mir im zehnten Haus zur Aufgabe gemacht habe, Pressesprecherin zu sein, und im fünften Haus die Freude am Einsatz für Menschenrechte verspüre, dann liegt es nahe, dass ich mir im elften Haus eine Gemeinschaft suche, die es mir ermöglicht, als Pressesprecherin in einem Unternehmen zu arbeiten, das sich für Menschenrechte einsetzt. Wir entscheiden im elften Haus also auch darüber, welcher Gemeinschaft, welcher politischen, unternehmerischen, sozialen oder anderweitig gesellschaftlich orientierten Gruppierung wir unsere persönliche Kraft schenken. In welchem Rahmen engagieren wir uns mit unserer persönlichen Aufgabe? In welche Gemeinschaft bringen wir uns ein?

Die Wahl dieser Gemeinschaft sollten wir nicht dem Zufall überlassen, denn im elften Haus prägen wir ganz entscheidend das Weltgeschehen mit. Es macht eben einen Unterschied, ob ich als Verkäuferin für einen Bauern arbeite, der ökologisch angebautes Gemüse verkauft, oder ob ich in einem Supermarkt in der Fleischabteilung abgelaufene Ware umpacke und neu etikettiere. Ich muss wissen, was ich tue und wofür ich meine Energie hergeben will. Denn dass ich meine Lebensenergie in irgendeiner Form in einen größeren Zusammenhang einbringe, ja, einbringen muss, steht außer Frage. Das elfte Haus ist ein fester Bestandteil jedes Horoskops. Das bedeutet nun nicht, dass wir uns alle politisch engagieren müssen, karitativ oder ehrenamtlich tätig werden oder andere großartige weltverändernde Dinge vollbringen müssen. Es bedeutet lediglich, dass wir jedes Mal, wenn wir uns in eine Gemeinschaft einbringen, entscheiden, ob es die richtige ist. Manchmal merken wir erst durch die Erfahrung, dass wir uns der falschen Gruppierung, dem falschen Unternehmen angeschlossen haben. Unser Entlein wusste vorher auch nicht, ob die Wildenten nicht vielleicht die richtige Familie für es wären. Es musste diese Erfahrung machen. Dabei kann uns unsere Intuition helfen und ein paar Fragen, die wir uns von Zeit zu Zeit stellen können:
· Wird in der Gemeinschaft, der wir angehören, unser persönlicher Beitrag geschätzt?
· Können wir uns dort ausleben, uns kreativ entwickeln und so sein wie wir wirklich sind?
· Dient unser persönlicher Beitrag in der Gemeinschaft einem Zweck, den wir auch persönlich unterstützen können?

Wenn wir uns diese Fragen immer mal wieder stellen, haben wir ein wunderbares Regulativ für unser elftes Haus. Wenn wir sie nämlich alle oder teilweise mit nein beantworten, wissen wir, dass wir etwas verändern müssen.

Solche Veränderungen können bedeuten, dass Freundschaften enden, wir neue Kontakte suchen, wir das Unternehmen wechseln oder aus dem einen Verein aus- und in den anderen eintreten. Gemeinschaften sind nichts, was notwendigerweise ein Leben lang gleich und unverändert bleibt. Wenn wir feststellen, dass wir uns von einem ehemaligen Freund entfernt haben, uns eine langjährige Freundin eigentlich nichts mehr zu sagen hat, dann wird es Zeit zu gehen. Die Gemeinschaften in unserem elften Haus stellen nämlich – im Gegensatz zu unserer Herkunftsfamilie – keine in Stein gemeißelte Tatsache dar, sondern sollten sich unserer persönlichen Entwicklung anpassen. Je nachdem, wie wir uns in unserer Individualität entwickeln, entwickelt sich auch unser Bezug zur Gemeinschaft. Die Achse des fünften und elften Hauses stellt wie keine andere unsere Persönlichkeitsentwicklung und unsere Kreativität dar. Wenn wir uns vom Lehrling in der Kunst des Meißelns zu einer Meisterin der Bildhauerkunst entwickelt haben, wird es Zeit, dass sich unser elftes Haus diesem Prozess anpasst. Umgekehrt kann ein Milieuwechsel uns ungeheuer inspirieren, unsere Persönlichkeitsentwicklung voranzutreiben. Wenn ich bislang nur Freunde hatte, die gern spazieren gehen, auf einmal jedoch in einem Kreis von Menschen bin, die viel wandern und auf Berge klettern, werde ich möglicherweise auch angespornt, diese Fähigkeit zu entwickeln. Wir bereichern also nicht nur die anderen, die anderen bereichern auch uns.

Die Bereicherung hat auf dieser Häuserachse etwas zu tun mit Freude, Lebenslust und einer Liebe zu den Dingen, die man tut. Und hier geht es auch um Anerkennung der eigenen Fähigkeiten, des persönlichen Wesens, wie uns das Entlein eingangs gezeigt hat. Insofern spricht man auch davon, dass wir im fünften Haus Liebe geben und im elften Haus Liebe bekommen. Beides ist natürlich unmittelbar miteinander verknüpft. Je mehr Liebe, Begeisterung, Lebensfreude ich verschenke, umso mehr bekomme ich auch selbst. Auch hier wird wieder deutlich, wie eng gegenüberliegende Häuser verbunden sind. Das, was ich zu geben habe, fünftes Haus, bringe ich in eine Gemeinschaft ein und bekomme dafür etwas zurück. Der funktionierende Austausch ist dabei ein wichtiges Merkmal dafür, ob wir das Richtige im richtigen Rahmen tun. Denn wenn wir das Gefühl haben, keine Anerkennung zu erhalten, liegt es möglicherweise daran, dass wir unser Talent an die falsche Gemeinschaft verschwenden, die es überhaupt nicht zu schätzen weiß. Oder es liegt daran, dass wir selbst keine Freude daran haben, und im Grunde nicht unser wahres Wesen und unsere Freude einbringen, sondern nur unser Pflichtgefühl oder die Suche nach Anerkennung durch eine beliebige Leistung. Hätte unser Entlein versucht, eine gute Ente zu werden, es wäre gescheitert. Wer tagaus, tagein seine vermeintliche Pflicht tut, doch keinerlei Freude dabei empfindet, bekommt auch keinen Dank dafür.

Deswegen wünschen wir allen unseren Lesern eine freudvolle Entdeckungsreise nicht nur zu sich selbst, sondern auch zu der richtigen Gemeinschaft!

Herzlichst, Sabine Bends

© 2007 Sabine Bends @ 1. August 2007

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