Das zwölfte Haus
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Ist ein Haus ein Haus? Gehen Sie durch die Straßen und schauen Sie sich um: Dort steht ein heruntergekommenes Einfamilienhaus, hier ein anonym wirkendes Hochhaus, da drüben eine prachtvolle, aber kaum einsehbare Villa und auf der anderen Seite eine Laubhütte. Jedes Haus ist anders. Wenn Sie die verschiedenen Häuser betreten, befinden Sie sich in verschiedenen Welten. Die Stimmung, die Umgebung, das Interieur, die Leute – alles ändert sich.
Nun sind die Häuser im Horoskop nicht aus Stein gebaut. Sogar das Gegenteil ist der Fall: Es handelt sich um nicht-sichtbare Himmelssegmente. Trotzdem ist der Begriff “Haus” treffend gewählt, denn sie zeigen im Horoskop Lebensbereiche an, die, wie die Häuser unserer Straße, ebenfalls sehr unterschiedlich sind.
In dieser Serie stellen Ihnen Sabine Bends und Holger A.L. Faß die Häuser vor und laden Sie zu einer Hausbesichtigung ein. Zu jedem Monatsersten veröffentlichten wir hier bei Astrophoenix einen Artikel zu den 12 Häusern des Horoskops. Dies ist der letzte Artikel in dieser Serie – es geht um das zwölfte Haus.
Am Ende kommt der Anfang
Wahrscheinlich gibt es keinen Horoskopbereich, über dessen Bedeutung sich die Astrolog/innen so uneins sind, wie das zwölfte Haus. Schillernd ist es, schwer zu fassen und manchmal auch überfrachtet. Welchen Stellenwert man ihm zuordnet, hängt nicht zuletzt von der Art der Astrologie ab, der man sich selbst zugehörig fühlt. Schauen wir uns das im Detail an:
Klassische Deutung
Wie alle fallenden Häuser ist auch das zwölfte Haus nicht gerade gut beleumundet. “Fallende Häuser gelten als schwächste Orte der Sphäre“. So muss, wer eine starke Betonung des zwölften Hauses mitbringt, unter anderem rechnen mit:
- Gefangenschaft, Kerker
- langen Kranken- und Irrenhausaufenthalten
- Vereinsamung
- Schicksalspessimismus
- heimlichen Feinden
- Verzweiflung
- Selbstschädigungen
- asozialen Anlagen
- Lastern
- Unehre
- Strafen
- Einschränkungen aller Art
- und einem schlechten Verhältnis zur Schwiegermutter.
Warum beheimatet das zwölfte Haus all diese Übel? Man kann darauf hinweisen, dass es früher mit Saturn in Verbindung gebracht wurde – dem großen Übeltäter. Womöglich hat es auch damit zu tun, dass es nach der Zählweise das letzte Haus ist – also der Bereich, der irgend etwas mit “Ende” zu tun hat; kurzum mit dem Tod. Doch der Tod taucht hier nicht selbst auf.
Herbert Freiherr von Klöckler, Altmeister der Astrologie (1896 – 1950) schreibt in diesem Zusammenhang: “Zur Begründung der Mittel- und Endfeldtypologie (also der angeblichen Schwäche fallender Häuser – H. A. L. Faß) ist weder ideell noch empirisch etwas Sicheres aufzuweisen, man bleibt auf rein astrologische Erfahrungen angewiesen.”
Psychologische Deutung
Die meisten Astrolog/innen im deutschsprachigen Raum sind von einer streng klassischen Deutung inzwischen abgerückt. Das zwölfte Haus wird nun in ein anderes Licht getaucht. Hier symbolisiert es den Ort des Rückzugs. Es ist der Bereich, in dem der Horoskopeigner die Verbindung mit “Allem” sucht. Also ein religiöser Bezug wird hergestellt. Planeten im zwölften Haus zeigen somit Energien an, auf die man nur zurückgreifen kann, wenn man die Rückbindung (so die ursprüngliche Bedeutung des Wortes “religio”) herstellt. Das geschieht fernab des Alltagstrubels besser als mittendrin. Daher lautet die Empfehlung, das Rampenlicht zu meiden und die Stille zu suchen.
Das zwölfte Haus wird zudem mit dem kollektiven Unbewussten verknüpft. Auch dies ist eine Verbindung, die über persönliche Kontakte hinausgeht. Der Begriff “kollektives Unbewusstes” wurde von Carl Gustav Jung geprägt. Es bezeichnet eine Art Lagerstätte: hier landet das gesamte psychische Erbe der Menschheit. Ähnlich wie der Körper eine evolutionäre Veränderung durchläuft, so durchläuft die Psyche einen Fortschrittsprozess. Und ähnlich wie die evolutionäre Vergangenheit des Körpers in unserem Körper wiedergefunden werden kann, so findet man im kollektiven Unbewussten alles wieder, was irgendwann einmal von der individuellen Psyche eines Menschen ausgedrückt wurde. Je stärker das zwölfte Radixhaus betont ist, um so konkreter ist der Zugang des Einzelnen zu diesem Bereich. Es ist somit ein Ort, an dem Erfahrungen gesammelt wurden – auch solche Erfahrungen, die der Horoskopeigner selbst als Person gar nicht gemacht hat. So beschreibt das zwölfte Haus quasi die Auflösung des individuellen Ichs. Der Einzelne geht in etwas Größerem auf; das kann auch eine Idee sein. Sehnsucht kann dabei eine Rolle spielen. Die Sehnsucht, zu einer großen Einheit dazu zu gehören.
In der psychologischen Astrologie zeigt das zwölfte Haus zudem frühe Prägungen an. Planeten in diesem Bereich signalisieren Themen, mit denen das Neugeborene konfrontiert wurde, die es aber nicht kognitiv verarbeiten konnte. Nur in Träumen, während der Meditation, in den Bilderwelten, in der Hypnose, also überall dort, wo der Verstand in den Hintergrund tritt, zeigen sich die alten Bilder wieder.
Karmische Astrologie
In die gleiche Richtung gehen die Interpretationen der Karma-Astrolog/innen. Doch hier sind es die ungelösten Themen vergangener Leben. Planeten im zwölften Haus zeigen Belastungen an, die es im jetzigen Leben abzuarbeiten gilt. Etwas simpel ausgedrückt war man womöglich mit Mars in zwölf ein aggressiver Mensch und hat mit seiner Wut über die Stränge geschlagen. Um ein Gleichgewicht der Kräfte wieder herzustellen, sollte man sich daher in diesem Leben ganz bewusst friedfertig verhalten und dazu beitragen, dass Gewalt in der Welt abnimmt.
Deutung aus Anschauung und Erfahrung
Astrologie entwickelte sich seit jeher aus der Anschauung. Unsere Berufsvorfahren haben noch in den Himmel geblickt, haben dadurch ein Gespür für die Planeten erhalten. Anschauung und Erfahrung gehen Hand in Hand. Astrologie nenne ich gerne Erfahrungswissenschaft. Jeder, der Astrologe lernt, ist aufgefordert, seine eigenen Erfahrungen zu machen und einzubringen.
Sehen wir uns genau an, was an der Stelle passiert, die wir als “Haus zwölf” kennzeichnen. Es ist das östliche Sphärensegment oberhalb des Horizonts. Alle Himmelskörper durchlaufen diesen Bereich nach ihrem Aufgang. Wenn die Sonne sich hier befindet, ist früher Morgen. Die Sonne selbst ist bereits sichtbar, steht aber noch sehr tief. Ein Haus, ein Strauch, ein Hügel können sie verdecken. Die ganze Frische des neuen Tages liegt noch vor uns. Vielleicht haben wir eine Ahnung, wie der Tag verlaufen wird. Aber es kann auch alles ganz anders kommen. Wir sagen: “Ein Stern geht auf” und nutzen diese Aussage als Beschreibung für jemanden, der gerade dabei ist, erfolgreich zu werden. Es war diese Formulierung, die mich stutzig werden ließ: Wie kann ein aufstrebender Stern gleichzeitig in der Verbannung, im Kerker, in der Abgeschiedenheit sein? Wieso sollen Planeten im zwölften Haus schwach sein, wo wir sie doch in der Anschauung eher als jung und kräftig erleben?
Kehren wir noch einmal zum frühen Morgen zurück. Der Tag liegt vor uns. Alles ist möglich. Man kann diesen Moment mit dem Neugeborenen vergleichen. Das Kleinkind ist da und es stehen ihm alle Wege offen. Ob der Säugling später Ministerpräsidentin wird oder Waffenhändler (oder beides), das wird erst die Zukunft zeigen. Etwas überspitzt könnte man sagen, dieser junge Mensch hat noch keine Form, er ist aus der Formlosigkeit heraus vieldeutig und “egozentrisch” im Sinne Piagets.
Egozentrik? Das ist nicht gerade einer der üblichen Begriffe, die uns im Zusammenhang mit dem zwölften Haus einfallen. Der Schweizer Entwicklungspsychologe Jean Piaget beschrieb damit seine Beobachtung, dass Kinder sich nicht der Dinge außerhalb ihrer eigenen unmittelbaren Erfahrung bewusst sind. Am deutlichsten zeigt sich dies beim Säugling, der nicht einmal die eigenen Hände und Füße als Teile seines Körpers empfindet. Gegenstände, die außerhalb des Gesichtsfeldes liegen, existieren für das Kleinkind nicht mehr. Wird ein Gegenstand beispielsweise verdeckt, ist er komplett aus der Welt verschwunden. Das heißt: außerhalb der eigenen Wahrnehmungswelt existiert keine weitere Welt.
Egozentrik heißt nicht, dass sich das Kind toller oder besser als seine Umwelt fühlt oder selbstsüchtig handelt. Denn dies setzte voraus, dass sich der Säugling als getrennt von der Umwelt wahrnehmen würde. Das Gegenteil ist der Fall: die Trennung zwischen Ich und Du ist noch nicht vollzogen. Die Nabelschnur ist zwar physisch durchtrennt, aber die Einheit von Ich und Du noch vorhanden. Wenn das Neugeborene seine eigenen Bedürfnisse zum Ausdruck bringt, ist also Egozentrik nichts weiter als ein Handeln im besten Sinne für die Gesamtheit aller Wesen.
Das zwölfte Haus verstehe ich als einen Ort der Egozentrik im oben beschriebenen Sinn. Es ist von der Anschauung her der Anfang, der Tagesanfang. Es ist der Bereich oberhalb des Aszendenten, es ist der Moment kurz nach der Geburt. Es ist die Frische, die alles Sein ermöglicht und die eine Trennung zwischen den Wesen noch nicht kennt.
Planeten im zwölften Haus
Menschen mit Planeten im zwölften Radixhaus, allen voran die Sonne, können somit als egozentrisch beschrieben werden. Sie sind (noch) verbunden und gleichzeitig (noch) frei für alles, was da kommen wird. Ihre Persönlichkeit ist nicht von vornherein in eine feste Form gefügt. Sie sind “wie der junge Tag” – alles ist möglich. Träume sind erlaubt und geboten. Da sie zudem im egozentrischen Sinne handeln, also für sich und zugleich für die Gemeinschaft, eignen sie sich um so mehr für Aufgaben und Positionen mit gesellschaftlichem Background. In diesem Sinne lassen sich also folgende Deutungsansätze ableiten:
Sonne in Haus zwölf
Ich stehe mit meiner ganzen Persönlichkeit für die Gemeinschaft ein. Mein Wille ist Euer Wille – Euer Wille ist mein Wille.
Mond in Haus zwölf
Ich stehe mit meiner Gefühlswelt für die Gemeinschaft ein. Ich bin das Volk.
Merkur in Haus zwölf
Ich stehe mit meinem Verstand für die Gemeinschaft ein. Mein Wissen steht meiner Umwelt für das gemeinsame Vorankommen zur Verfügung.
Venus in Haus zwölf
Ich stehe mit meiner Diplomatie für die Gemeinschaft ein. Charme und Freundlichkeit nutze ich nicht nur zu eigenen Zwecken, sondern dann, wenn es der Gruppe dient.
Mars in Haus zwölf
Ich stehe mit meiner Ritterlichkeit für die Gemeinschaft ein. Wo soziale Heldentaten nötig sind, bin ich bereit zum Kampf.
Jupiter in Haus zwölf
Ich stehe mit meinem Optimismus für die Gemeinschaft ein. Ich habe den Göttern das Feuer gestohlen und bringe es nun den Menschen.
Saturn in Haus zwölf
Ich stehe mit meiner Verantwortung für die Gemeinschaft ein. Führungsaufgaben übernehme ich pflichtbewusst, wenn ich das gesamte System im Auge behalten kann.
Uranus in Haus zwölf
Ich stehe mit meiner Originalität für die Gemeinschaft ein. Mit verrückten Ideen treibe ich meine Umgebung an, weil ich weiß, dass der Fortschritt uns alle weiterbringt.
Neptun in Haus zwölf
Ich stehe mit meiner Spiritualität für die Gemeinschaft ein. Ich fühle meine medialen Fähigkeiten und nutze sie für die sozialen Belange meiner Umwelt.
Pluto in Haus zwölf
Ich stehe mit meiner Wahrhaftigkeit für die Gemeinschaft ein. Wenn ein Tabubruch uns alle weiterbringt, bin ich zur Stelle.
Eine Besonderheit möchte ich in Zusammenhang mit dem Mond anfügen. Hier lohnt sich die Frage, ob es sich um eine Tag- oder um eine Nachtgeburt handelte. Steht die Sonne im Horoskop über der Aszendent-Deszendent-Linie, wurde der Horoskopeigner bei Tage geboren. Im anderen Fall in der Nacht. Mond im zwölften Haus bei einer Taggeburt ist eher eine “schwache” Position (wir können den Mond auch nur schwach sehen), während Mond im zwölften Haus bei einer Nachtgeburt “stärker” steht.
Was heißt nun aber “stark” und “schwach”?
Mond steht für die Bedürfnisse, die Emotionalität, die Gefühlswelt und die Fähigkeit, sich selbst und andere zu versorgen. Eine “schwache” Position des Mondes lässt vermuten, dass der Horoskopeigner diese Kräfte nur schwer als eigene Kräfte kennt und sich mit der Gestaltung derselben auf Anhieb nicht leicht tut. Gefühle äußern sich dann als Launen, die eher störend in den Alltag eingreifen. Statt sich und andere angemessen zu versorgen, entsteht das Gefühl eines Mangels. Zum Teil kann dies dadurch unterstrichen worden sein, dass die Mutter des Horoskopeigners in den ersten Lebensmonaten abwesend war. Dabei handelt es sich mitnichten um eine unveränderliche Festlegung. Werden die Gefühle als eigene erlebt, kann der Horoskopeigner daraus eine Menge Kraft ziehen. Kreativität, Sensibilität, Zugang zum Unbewussten und Sanftheit sind sicherlich Potentiale, die in dieser Planetenstellung angezeigt sind. Die vollen Kräfte sind eben noch nicht ganz entfaltet.
Bei einer “starken” Stellung werden diese Qualitäten in der Regel leichter als eigene Talente erkannt (sofern keine anderen Aspektierungen dies vereiteln). Die Horoskopeigner haben schnell einen Zugang zu ihrer inneren Stimme, können die Befindlichkeit Ihrer Umwelt unverfälscht wahrnehmen und fühlen sich Schutzbedürftigen, wie zum Beispiel Kinder oder Tieren, nahe.
© 2007 Holger A. L. Faß @ 1. September 2007
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Schlagwörter: Felder, Fische, Haus 12, Häuser, Häusersystem, Häusersysteme, Neptun, Spiritualität
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