Feng Shui – Die Botschaft des Raumes (5)
Serie | Ein Kommentar |
Der Horizont als Bezugsebene
Die westliche Astrologie hat sich im Laufe der Zeit in überwiegender Mehrheit auf die Ekliptik, sprich: den Tierkreis, als Bezugsebene zur Bestimmung der Planetenpositionen geeinigt. Dennoch ist jeder andere Bezugskreis denkbar, unter anderem der Himmelsäquator und eben auch der Horizont. Dieser dürfte sogar – neben der Definition vor dem Fixsternhintergrund – die ursprünglichste Methode gewesen sein, wenn man bedenkt, daß Ekliptik und Äquator im Gegensatz zum Horizont lediglich vorgestellte Linien sind, die keine konkrete Entsprechung bei der alltäglichen Beobachtung des Sternenhimmels zeigen. Der Horizont dagegen ist ein dem Augenschein offensichtliches Phänomen und bietet sich durch Bestimmung von Gestirnsständen förmlich an: mit Hilfe der Himmelsrichtungen kann man die Position z.B. der Planeten problemlos wiedergeben – allerdings nur für bestimmte Zeitpunkte, da sich die Stellung mit der Rotation des Firmaments ständig in Höhe und Richtung verändert.
Trägt man nun die Planetenstände auf den Horizontkreis ein, d.h. in der Richtung, in der die Planeten zu einem bestimmten Zeitpunkt über oder unter dem Horizont standen, erhält man das sogenannte Standort- oder Horizonthoroskop. Wie die chinesischen fünf Gehweisen können die Planeten in jeder Richtung des Horizontes vorgefunden werden – sie stellen eine unabhängige dynamische Größe der Interpretation dar.

Das Horizont- oder Standorthoroskop für John F. Kennedy. Der Horizont dient hier als Messkreis zur Positionsbestimmung der Planeten vom Standpunkt des Betrachters in der Mitte aus gesehen. Linien zeigen, in welcher Blickrichtung die jeweiligen Gestirne stehen. Norden ist gemäß unserer Sichtweise oben, die übrigen Himmelsrichtungen folgen wie in der kleinen Windrose oben rechts angegeben. Die Punkte AC und DC zeigen die Stelle am Horizont, an der gerade die Ekliptik (der Tierkreis) auf- bzw. untergeht. IC und MC liegen stets in exakter Nord-Süd-Richtung. Anstelle einer Zwölfteilung des Bezugskreises ist hier die Einteilung des Horizontes in acht Sektoren vorgeschlagen. Interessant ist, dass vom Geburtsort Kennedys ausgesehen zum Zeitpunkt seiner Geburt Venus als Herrscherin des achten Hauses exakt in Richtung auf Dallas stand.
Während es wohl kein Problem darstellt, Deutungsbilder für die Planeten zu entwickeln1, gibt es keine formalen Anhaltspunkte, den Himmelsrichtungen und damit den Sektoren entlang des Horizontes bestimmte Themen zuzusprechen – so wie die Tierkreiszeichen Bereiche bestimmter Qualität auf der Ekliptik wiedergeben. Am ehesten vergleichbar ist damit die Idee des Häuserkreises und seinen individualisierbaren Häuserthemen – ähnlich wie die pa kua eine auf das konkrete menschliche Leben zugeschnittene Deutungsebene ermöglichen. Unter der Voraussetzung, dass jedoch eine Achtelung des Horizontes der menschlichen Anschauung räumlicher Strukturen eher entgegenkommt, müsste man jedoch auch eine Aufteilung des Gesichtskreises in acht Sektoren zu je 45° bevorzugen.2
Auf diese Weise erhielten Horizonthoroskope, die bis dahin stets unter dem Manko litten, rein auf Planetenlinien reduziert zu werden, eine Struktur, welche es ermöglicht die dynamischen Qualitäten der Planeten in statischen Interpretationsräumen entlang des Horizontkreises, ausgerichtet nach den Himmelsrichtungen, zu deuten – so wie wir heute Planeten in den zwölf Tierkreiszeichen und den zwölf Häusern deuten.
Bei der Suche nach möglichen Ansätzen zur Entwicklung einer den acht Horizontsektoren entsprechenden Bildersprache, können wir uns, wie es das chinesische Feng Shui vorgemacht hat, an dem Anschauungsmaterial aus den astronomisch bedingten Prozessen des Jahres- und Tageszyklus orientieren.3
Wenn dies überzeugend gelingt, könnten wir ähnlich den ba gua über eine Schablone zur Entzifferung der Botschaft des Raumes, wie er den Menschen umgibt, sei es ein Zimmer, eine Wohnung, ein Haus, ein Garten, ein Grundstück oder sogar eine ganze Stadt, verfügen – jedoch gespeist aus Quellen, die solche Bilder und Symbole bereit halten, wie sie der Geisteshaltung und den sozio-kulturellen Wertvorstellungen des Abendlandes entsprechen.
Abendländische Astrologie und fernöstliches Feng Shui finden ihre gemeinsamen Wurzeln in der Anschauung des Himmels und der irdischen Phänomene, welche mit den Vorgängen am Firmament korrelieren. Während sich über die Zeiten hinweg zwei völlig verschiedene Systeme herausbildeten, die deutlich Kinder ihrer Kultur und deren Epochen sind. Feng Shui hat seinen Weg zu uns gefunden, stößt in seiner Denkart und seiner pragmatischen Betrachtungsweise der Welt, in die sich der Mensch räumlich gestellt fühlt, auf breite Resonanz. Meiner Meinung nach sollten wir dies als Impuls wahrnehmen und verstehen, diese Prinzipien angemessen auf unser astrologisches Wissen anzuwenden, um einen ganz eigenen Stil hervorzubringen, ohne daß der abendländische Mensch „sich selbst aufgibt und den Osten imitiert und affektiert, wo er doch so viel größere Möglichkeiten hätte, wenn er sich selber bliebe und aus seiner Art und seinem Wesen heraus all das entwickelte, was der Osten aus seinem Wesen im Laufe der Jahrtausende gebar.“4
— ENDE der Serie —
- vgl. hierzu die Arbeit von Steve Cozzi: Die Astrologie des Standortes, Mössingen 1993. Leider beschränkt sich Cozzi nicht auf eine rein astrologische Darstellung, sondern vermengt neben Feng Shui auch die sogenannte „heilige Geomantie“ und Radiästhesie mit teils unhaltbaren, weil astronomisch nicht korrekt dargestellten Behauptungen. [↩]
- Tatsächlich wissen wir von den Etruskern, dass sie ein Divinationssystem entwickelt hatten, in dessen Rahmen sie den Horizont in sechzehn Sektoren einteilten – was einer nochmaligen Halbierung der acht Sektoren entspricht. Über jeden Sektor herrschte eine andere Gottheit. Es wurden jedoch nicht Gestirnspositionen mit diesem System beschrieben, sondern vielmehr jedwede „himmlische“ Regung vom Vogelflug über Blitze bis zur Wolkenbildung erfasst und als Botschaft der Götter interpretiert. [↩]
- In der abendländischen Überlieferung forschte vor allen Dingen Isidor von Sevilla in diese Richtung, er stellte um 600 n.Chr. in seiner Schrift „De natura rerum“ einen Zusammenhang zwischen den Jahreszeiten, den Elementen und den Himmelsrichtungen her, wobei er ebenfalls auf eine achtfältige Struktur kam. [↩]
- Wilhelm, Richard/Jung, C.G. a.a.O; S. 14 [↩]
© 2007 Christopher Weidner @ 18. August 2007
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Schlagwörter: Feng Shui, Horizont, Horizonthoroskop, Local Space, Standortastrologie
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[...] Zuerst führte ich kurz in die Theorie der Horizontastrologie ein und wies auf einen wesentlichen Unterschied zwischen den uns vertrauten Horoskopen hin: Während wir üblicherweise die Planetenpositionen auf den Tierkreis – die Ekliptik als scheinbare Umlaufbahn der Sonne um die Erde – projizieren, dient in der Standortastrologie der Horizont als Bezugs- und Messkreis. Das bedeutet, dass wir keine Tierkreiszeichen haben, auf die wir uns beziehen können, denn dieser wird durch den Horizont ersetzt. Das Horizonthoroskop ist also nicht einfach nur ein Hilfshoroskop (wie andere Techniken, z.B. das Relokationshoroskop oder die Astrokartographie), sondern eine ganz eigenständige Form (vgl. hierzu Feng Shui – die Botschaft des Raumes, Teil 5). [...]