Johannes Kepler – Astronom und Astrologe
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“Bin ich denn der Einzige, der die Astrologen Philosophie lehrt.”
Er wäre heute 437 Jahre alt geworden: Johannes Kepler. Aus diesem Anlass veröffentliche ich hier einen Beitrag zur eher unbekannten Seite des so bedeutenden Gelehrten der frühen Neuzeit: Kepler der Astrologe, bereits 2001 von mir verfasst.
Wer kennt ihn nicht, den Namen des berühmten Astronomen Kepler (1571 – 1630), der sich als Entdecker der drei Gesetze der Planetenbewegung in der Geschichte der Naturwissenschaften einen festen Platz gesichert hat. Doch ist auch gleichermaßen bekannt, dass er ein eifriger Verfechter der Sterndeutung gewesen ist, der es als keinen Widerspruch empfand, sich in seinem wissenschaftlichen Streben von den geistigen Ideen der Astrologie inspirieren zu lassen?
Und nicht nur dies: im Rahmen seiner astrologischen Studien scheute er sich nicht, traditionelles Gedankengut zu verwerfen, wenn es ihm fragwürdig erschienen. So verurteilte er in seiner Astrologie die Lehre von den zwölf Domizilen aufs Schärfste:
“Aber nichts ist empörender als die nahezu ausschließliche Sorge gewisser Astrologen, die zwölf Domizile in einer kindlichen Leichtgläubigkeit ohne alle begründete Überlegung oder wissenschaftliche Methode auf die sieben Planeten verteilen und Herrschaften und momentane Wechsel des Machtbereiches ersinnen, als befinde man sich im menschlichen politischen Leben; von dort stammt alle Magie und astrologischer Aberglaube.” (Von den gesicherten Grundlagen der Astrologie, Seite 45f.)
Desgleichen wies er sogenannte Ingress-Horoskope, bei denen man aus dem Horoskop des Eintrittes der Sonne insbesondere in das Tierkreiszeichen Widder den Verlauf des gesamten Jahres deutete, als “Gipfel der Dummheit” weit von sich:
“Um einen vollkommen aus der Luft gegriffenen Gesichtspunkt handelt es sich, wenn die Astrologen die Ursache für diese allgemeine Tendenz der Jahre bei den Eintritten der Sonne in das Zeichen Widder, die Ursache der vier Jahreszeiten in den Konstellationen der Kardinalzeichen und die Monate in den Lunationen (Mondwechsel) suchen: als ob die Zeit ein unveränderliches Subjekt sei (…) oder als ob die Erde in einem Augenblick für den neuen Sommer festgelegt wird.” (Von den gesicherten Grundlagen der Astrologie, Seite 45.)
Ebenso warnt er nachdrücklich vor dem Missbrauch der Astrologie als “mantische Methode”, z.B. in der zu seiner Zeit so populären Stundenastrologie:
“Ich aber halte diese Weise für unmöglich, abergläubisch, wahrsagerisch und einen Anhang des arabischen Sortilegii, da man auf jede Frag, so dem Menschen einfällt, zu derselbigen Stund, auch ohne Wissenschaft seiner Geburtsstund, ja oder nein antworten und also aus der Astrologia ein Oraculum machen und consequenter sich auf Eingebung der himmlischen (vielmehr höllischen) Geister verlassen will.” (zit. nach Voltmer Seite 134)
Seine Vorstellung von Astrologie mutet sehr modern an und kann als Vorläufer systemtheoretischer und holistischer Ansätze gelten. Für Kepler besaß die Erde eine Seele, eine eigene Lebenskraft, welche für die geometrischen Muster des Himmels empfänglich ist und entsprechend darauf reagiert. Immer wieder betonte er, daß die irdischen Geschehnisse nicht von den Sternen hervorgerufen werden, sondern lediglich Resonanzen auf die Bewegungen der Gestirne darstellen – so wie Schallwellen über das menschliche Ohr als Resonanzkörper hörbar werden und als Musik empfunden werden können.
Damit wandte er sich vor allen Dingen gegen die Vorstellung, man könne konkrete Aussagen (”Particularia”), z.B. in der Prognose, aus den Gestirnsständen ableiten. Vielmehr hängt seiner Ansicht nach sehr viel vom Menschen und den Umständen ab, in denen er lebt, um herauszufinden, ob und wie eine Konstellation sich äußern wird oder nicht:
“Man kann von der Astrologie nichts erfahren als ein bestimmtes Abweichen der geistig-seelischen Neigung vom Normalmaß; wie der Mensch in einer bestimmten Hinsicht in der Zukunft sein wird, liegt in der hinsichtlich des politischen Lebens ganz und gar freien Entscheidung des Menschen, der ein Abbild Gottes ist und nicht nur ein Naturgeschöpf, wie es bei den anderen Wesen der Fall ist.” (Von den gesicherten Grundlagen der Astrologie, Seite 45f.)
So kritisierte er Wallenstein, für den er zweimal das Horoskop erstellte mit zum Teil recht zutreffenden Prognosen, in seinem “Aberglauben”, man könne die Zukunft vorhersagen:
“Dies alles melde ich allein zu dem End, auf dass ich dem Geborenen den Wahn nehme, als ob so ganz die Particularia aus dem Himmel vorherzusagen sein. Einmal ist dies wahr, dass aus dem Himmel zwar wohl himmlische Particularia folgen, nicht aber irdische, weder specialia noch indivdua, sondern alle irdischen Eventus nehmen ihre Form und Gestalt aus irdischen Ursachen, all da ein jedes Particular seine Particular-Ursach hat.” (Aus: “Geänderte Erklärung dieser Geburtsfigur – gestellt Anno 1625 im Januario”; zitiert nach Voltmer 1998 Seite 74)
Jede Konstellation – so seine Aussage – ist in ihrer konkreten Manifestation von dem Objekt abhängig, welches in ihren Wirkungsbereich gerät. In den jährlichen Wetterprognosen, die üblicherweise von den Astrologen – oder “Mathematici” – am Ende eines Jahres für das kommende herausgegeben wurden, formuliert er:
“Warum war im übrigen die Ernte mancherorts reichlich, mancherorts dürftig? Weil nach einer inneren und bis jetzt verborgenen Disposition der Erde … einige Teile der Erde feucht waren und der Sommer in ausreichendem Maße wolkenlos und heiter, andernorts aber Trockenheit herrschte, die für die Feldfrüchte schädlich ist.” (Von den gesicherten Grundlagen der Astrologie, Seite 56.)
Damit kommt zum Ausdruck, dass der untersuchte Gegenstand mit all seinen Eigenheiten, die er von sich aus mit bringt, genauso gründlich zu betrachten ist wie die Konstellationen, die man auf ihn bezieht – um so mehr, wenn es sich um einen Menschen handelt:
“Welcher Astrologus einige Sach bloß und allein aus dem Himmel vorsagt und sich nicht fundiert auf das Gemüt, Seel, Vernunft, Kraft oder Leibesgestalt desjenigen Menschen, dem es begegnen soll, der gehe auf keinen rechten Grund.” (Voltmer 1998, Seite 123.)
Die Tragik Keplers besteht – wie so oft – gerade darin, dass sein klarer und einsichtiger Ansatz von seinen Zeitgenossen nur mit Ungnade bedacht oder einfach ignoriert wurde. Seine Ablehnung alles Überflüssigen und sein Bestreben, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, dabei nachvollziehbare und schlüssige Gedankengänge zu produzieren, und vor allen Dingen sein Bestreben, die Wirkung der Astrologie unabhängig von physikalischen Effekten zu beschreiben, hätten – wie auch für seinen Zeitgenossen Galilei – einen idealen Grund offenbart, auch nach dem Sturz des geozentrischen Universums durch Kopernikus Astrologie als ernsthafte Kunst weiter zu betreiben. Und so konstatiert Wilhelm Knappich in seiner “Geschichte der Astrologie”:
“Die Tragweite von Keplers Bestreben, die Astrologie von ihrem angeblichen physikalischen Untergrund und einem veralteten Weltbild abzulösen und sie lediglich auf Zeichendeutung, auf die Beurteilung der durch den Augenschein gegebenen Konstellationen zu beschränken, haben seine Zeitgenossen nicht erkannt. Ja, die späteren Astrologen glaubten auf das liebgewordene Fundament nicht verzichten zu können und haben damit … zum Ruin der gelehrten Sterndeutung geführt.” (Knappich 1988, Seite 214)
Wer sich näher mit der Kepler’schen Astrologie beschäftigen möchte, dem seien zwei Bücher besonders ans Herz gelegt:
Von den gesicherten Grundlagen der Astrologie
Autor: Johannes Kepler
ISBN: 3925100385
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Hier bricht Kepler zum ersten Mal mit der Tradition der “Mathematici”, sich in der Verfassung der jährlichen Prognostica nur auf die Beschreibung von Ereignissen, insbesondere der Wetterprogonose zu beschränken: Anstatt dessen begründet er philosophisch und erkenntnistheoretisch motiviert sein astrologisches Weltbild und gestattet uns tiefe Blicke in den klaren Verstand und die große Intuition dieses Pioniers der modernen Astrologie.
Rhythmische Astrologie: Johannes Keplers Prognose-Methode aus neuer Sicht. Mit Geburtszeitkorrektur im Anhang
Autor: Ulrike Voltmer
ISBN: 3908651018
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Voltmer ist mit diesem Buch eine großartige und umfassende Beschreibung der Kepler’schen Techniken gelungen. Anhand der beiden Wallenstein-Horoskope führt sie mit einem kompetenten und kritischen Auge sowohl in das Geistesleben Keplers, seine Auffassung von Astrologie und seine Kunstfertigkeit z.B. in der Geburtszeitkorrektur ein. Eine ausführliche Besprechung der problematischen Aspekte von Prognose im allgemeinen und eine übersichtliche Darstellung der wichtigsten Prognosetechniken, wie sie auch heute noch verwendet werden, ergänzen dieses Buch zu mehr als einem rein technischen Kompendium der Renaissance-Astrologie.
Das Horoskop Keplers

Daten: Johannes Kepler | 27.12.1571 | Weil der Stadt | 13:45 UT
AAF (einfach diese vier Zeilen kopieren und z.B. in Astroplus einfügen:
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#B93:2295226.07917,48N45:00,008E52:00,0hE00:00,*
#ZNAM:UT
#COM:Astronom, Mathemathiker, Astrologe
Weitere Literatur
Astronomia Nova: Neue, ursprünglich begründete Astronomie
Autor: Johannes Kepler
ISBN: 3865390145
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Was die Welt im Innersten zusammenhält: Antworten aus Keplers Schriften
Autor: Johannes Kepler
ISBN: 3865390153
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Johannes Keplers Weltharmonik: Der Mensch im Geflecht von Musik, Mathematik und Astronomie
Autor: Rudolf Haase
ISBN: 3424013951
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Weltharmonik
Autor: Johannes Kepler
ISBN: 3486580469
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© 2008 Christopher Weidner @ 27. Dezember 2008
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Schlagwörter: Astrologen, Astrologie-Seiten, Astrologiegeschichte, Astrologiekritik, Astronomie, Geschichte, Kepler, Prognose, Stundenastrologie, Wissenschaftler
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