Venus/Neptun bei der Psychotherapeutin
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Psychotherapeutin (P): Guten Tag, Frau Venus/Neptun, kommen Sie herein und nehmen Sie Platz. Mein Name ist Venus/Saturn, die strukturierte Beziehung. Was führt Sie zu mir?
Venus/Neptun (V): Ach ja, das ist gar nicht so einfach zu sagen. Irgendwie klappt es mit meinen Beziehungen nicht. Aber das ist so auch nicht ganz richtig ausgedrückt: eigentlich ist es mehr so, dass ich meist gar keine richtige Beziehung habe. Aber verliebt bin ich fast immer.
Also die Männer, die ich im täglichen Leben treffe, interessieren mich nicht wirklich. Die sind so – normal. Mich interessieren mehr diese außergewöhnlichen, künstlerischen Männer. – Kennen Sie Reno Röhre, den wunderbaren Balladensänger? (Therapeutin nickt.)
Ach das ist schön, dass Sie den kennen. – In den bin ich verliebt – schon seit 4 Jahren. Seitdem bemühe ich mich um Kontakt zu ihm und vor einem halben Jahr hat es endlich geklappt.
P: Sie haben ihn kennen gelernt?
V: Ja, anlässlich einer Autogrammstunde. (V. lächelt glücklich) Hinterher hat er sich mit den größten Fans noch zusammen gesetzt, um das Organisatorische zu besprechen. Er war so nett und sah so gut aus…
P: Was für Organisatorisches?
V: Es ging bei der Zusammenkunft um die Gründung von regionalen Fangruppen und wie man die organisiert, was man für Aufgaben hat usw. Ich habe natürlich sofort eine gegründet. Das ist ganz schön viel Arbeit und ein bisschen Geld habe ich auch schon reingesteckt, aber das ist es mir wert. Schließlich stehe ich seitdem in engem Kontakt mit Reno.
P: Das heißt Sie sehen sich öfter?
V: Nein, wo denken Sie hin, er hat doch so viele Verpflichtungen, ständig Konzerte und Plattenaufnahmen und so. Aber wir haben schon ein paar Mal telefoniert, und er war ganz begeistert davon, wie aktiv ich hier für ihn arbeite, wieviel Poster und Konzertkarten ich schon von ihm verkauft habe. Er hat mir versprochen, dass wir uns nach seiner derzeitigen Tournee mal treffen werden – einen Abend nur mit ihm allein! Es wird wundervoll werden, das weiß ich.
P: In welcher Art wundervoll? Haben Sie vor, sich ihm zu nähern?
V: (Guckt unangenehm berührt.)Ich habe nichts vor. Wir werden diesen Abend zusammen verbringen und wenn die Liebe, die mich ja schon ergriffen hat, auch in ihm erweckt wird, werden wir sehen, was die Liebe mit uns vorhat und wohin sie uns treibt….
P: Was werden Sie tun, wenn die Liebe ihn nicht ergreift?
V: Was soll ich dann schon tun?! Gar nichts, erst mal abwarten. Natürlich werde ich weiter mit ihm in Kontakt bleiben und wer weiß…
P: Wer weiss was?
V: Vielleicht wird er ja noch zu mir finden. Manchmal dauert es eben etwas länger, bis sich Gefühle entwickeln. Ich werde warten.
P: Wie lange wollen Sie warten?
V: Sie stellen immer so direkte Fragen! Man kann der Liebe doch keine Zeitlimits setzen!
P: Der Liebe wohl nicht aber sich selbst. Denn es könnte ja sein, dass ihn die Liebe zu Ihnen nie ergreift.
V: Da muss man eben vertrauen und hoffen.
P: Wie lange wollen Sie vertrauen und hoffen?
V: (seufzt schwer und guckt hilflos)
P: Ich will Sie nicht quälen. – Sie empfinden also sehr viel für Herren Röhre und haben eine sehr intensive innere Beziehung zu ihm, die allerdings bis jetzt einseitig ist, wobei Sie hoffen, dass sich das irgendwann mal ändern wird. Habe ich das so richtig verstanden?
V: Ja.
P: Können Sie mir etwas über Ihre , wie Sie es genannt haben, “wenigen richtigen” Beziehungen erzählen?
V: (deprimiert) Da denke ich nicht gerne dran zurück…aber na schön.
Meinen ersten richtigen Freund hatte ich mit 17 Jahren, da ging ich noch zur Schule. Er war Gitarrist in unserer Schulfolkband und der Schwarm aller Mädchen. Ich konnte es gar nicht glauben, dass er ausgerechnet mich erwählt hatte, denn er hatte schon viele Freundinnen gehabt, und ich war damals noch schüchterner und zurückhaltender als heute. Scheinbar war ich aber auch recht hübsch, denn es hatten schon mehrere Jungs versucht sich mir zu nähern. Aber sie waren alle so gewöhnlich und – direkt und deswegen habe ich mich mit keinem eingelassen. Sie müssen sich vorstellen, ich hatte noch nicht mal den ersten Kuss bekommen, während meine Mitschülerinnen sich schon alle über ihr “erstes Mal” austauschten. Mir sagten sie oft, ich sei aus dem letzten Jahrhundert übrig geblieben.
Dann aber kam Roman, der mir mit seinen schwarzen Locken, seinem schönen Körper und seiner samtweichen Stimme vorkam wie ein griechischer Gott. Ich war so stolz auf ihn, wenn ich bei Konzerten vor der Bühne stand und alle ihm zujubelten. Manchmal verhielt er sich zwar gereizt und launisch, aber das konnte ich verstehen. Künstler haben ja ein so sensibles Gefühlsleben. Meistens aber war er zärtlich und aufmerksam und wenn er nur für mich sang, “seine Prinzessin”, wie er mich nannte, öffnete sich der Himmel. (Seufzt)
Deswegen glaubte ich es auch nicht, als mir meine beste Freundin, Merkur/Pluto, erzählte, ihr sei zu Ohren gekommen, dass Roman mit den Jungs aus seiner Band gewettet habe, bis wann er mich “rumkriegt”. Ich dachte, sie sei neidisch und eifersüchtig, weil ich mit Roman zusammen war und zog mich empört von ihr zurück.
Nach einiger Zeit habe ich dann mit ihm geschlafen. Es war offengestanden ein bisschen enttäuschend für mich. Ich dachte, es werde ein unheimlich intensives Verschmelzungserlebnis, das unsere Liebe noch einmal auf eine höhere Ebene hebt, aber irgendwie ging es so schnell, dass ich gar nicht richtig mitkam. Doch Roman war zufrieden und so war ich es auch.
Aber dann – wenige Tage später – hat er sich von mir getrennt. Ich konnte es nicht fassen und habe ihn geradezu angefleht mir zu sagen, was ich falsch gemacht habe, bis er mich (fängt an zu weinen) schließlich angeschrieen hat: “weil ich keinen Bock mehr auf dein bescheuertes sensibles Getue habe!” Ich war total am Boden zerstört, und was mich am meisten quälte, war der Verdacht, dass die Unterstellung meiner Freundin wahr gewesen sein könnte. – Letzten Endes habe ich es nie erfahren.
P: Das muss sehr verletzend für Sie gewesen sein. – Konnten Sie sich für eine neue Beziehung öffnen?
V: Ja, aber das hat 5 Jahre gedauert. Das war Mario, ein unheimlich charmanter Mann; mal kein Musiker aber interessiert an jeder Form von Kunst. Er handelte auch damit – mit Kunst – aber die Geschäfte liefen schlecht.
Da ich kurz vorher etwas geerbt hatte, habe ich ihm immer wieder mit Geld ausgeholfen – übrigens gegen den Rat meiner Freundin Merkur/Pluto, mit der ich mich nach dem Desaster mit Roman wieder ausgesöhnt hatte. Scheinbar halfen meine Finanzspritzen aber nichts. Mario erklärte mir immer wieder ganz genau, warum und wie sich der konjunkturelle Abschwung vor allem in seinem Geschäftsbereich negativ auswirken würde, aber so ganz habe ich es nicht verstanden. Wirtschaft interessiert mich nicht besonders. Wegen der schwierigen Geschäftslage mußte er auch länger arbeiten – so sagte er jedenfalls – und blieb abends immer länger weg. Ich sah ihn nur noch selten. Das war zwar nicht schön aber mußte wohl sein, und ich nahm es hin.
So ging das eine Weile, bis mir eines Tages Merkur/Pluto in großer Aufregung erzählte, sie habe ihn abends mit einer anderen Frau aus dem Casino kommen sehen, und von daher könne ich mir ja vorstellen, wo mein ganzes Geld geblieben sei. Ich konnte mir das zwar nicht vorstellen, aber diesmal tat ich den Verdacht von Merkur/Pluto nicht so einfach ab sondern stellte Mario einige Fragen. Er versicherte mir aber glaubhaft, dass er das Casino nur besucht habe, weil eine wichtige Kundin da hin wollte. Natürlich glaubte ich ihm, während Merkur/Pluto fand, dass ich zu blauäugig sei. Ohne mein Wissen beobachtete sie ihn weiter und stellte dabei nach kurzer Zeit fest, dass Mario ein Dauergast im Casino war.
Wieder sprach ich ihn darauf an, worauf er richtig böse wurde und mich anschrie, wie hinterhältig und mies es von mir sei ihm hinterher zu schnüffeln und dass er sowieso die Schnauze von mir voll hätte. Dann packte er seine Sachen und ging. – Er ging übrigens zu derselben Frau, mit der er auch im Casino war, wie ich später erfuhr. Ich blieb verzweifelt zurück, und dazu war auch noch fast mein ganzes Geld weg.
P: Wie haben Sie es denn nach dieser erneuten großen Enttäuschung geschafft, sich wieder zu stabilisieren?
V: In einer gewissen Weise war es meine Rettung, dass ich nahezu pleite war; ich musste mich also um meinen Lebensunterhalt kümmern. Da hatte ich dann mal Glück: eine Freundin, die ein Geschäft für esoterische Artikel führt, hat mich – zunächst als Verkäuferin – eingestellt. Da ich mich gut auf die Kundinnen einstellen konnte, ein Gespür dafür habe, was gefragt ist und deswegen viel verkaufte, hat sie mir bald auch andere Aufgaben übertragen. Mittlerweile bin ich so etwas wie ihre rechte Hand. Sie berät sich mit mir über den Einkauf unserer Produkte, weil sie mich für einen guten Trendscout hält.
P: Und sehen Sie das auch so?
V: Äh ja, aber man soll sich ja nicht selbst loben.
P: Vielleicht sollten Sie das doch mal tun. Schließlich sind Sie ja nach dieser schlimmen Enttäuschung mit Mario nicht völlig zusammen gebrochen sondern haben sich aus Ihrer eigenen Kraft aus Ihrer Krise wieder heraus gearbeitet und sich gleichzeitig beruflich durchgesetzt. Da gehört schon viel Stärke dazu.
V: (strafft die Schultern) Meinen Sie wirklich? So habe ich das noch gar nicht gesehen.
P: Ja, meine ich. – Beruflich läuft es also gut; das ist ja auch sehr wichtig.
Bleibt das Beziehungsproblem – Während ich Ihnen zugehört habe, was Sie für verletzende Erfahrungen mit Männern gemacht haben, kam mir der Gedanke, dass es für Sie vielleicht wirklich nicht so gut ist, wenn sie eine “richtige”, reale Beziehung haben. Aus welchen Gründen auch immer scheinen Sie Schwierigkeiten zu haben zu erkennen, wenn Ihre Partner Sie hintergehen oder schlecht behandeln, und ich bin offengestanden skeptisch, ob Sie da nachhaltig etwas dran verändern können…
Von daher ist es wirklich klug von Ihrem Seelischen – ich bin immer wieder fasziniert von der tiefen Weisheit der Seele – wennSie sich in Männer verlieben, die aller Wahrscheinlichkeit nach für Sie unerreichbar sind. Sie können Sie auf diese Weise jahrelang lieben, ohne dass es zu einer gefährlichen wirklichen Beziehung kommen wird, bei der Sie höchstwahrscheinlich doch nur wieder verletzt und betrogen werden.
Ja, ich denke, Sie tun am besten daran, weiter für ihren Sänger zu schwärmen, umsonst für ihn zu arbeiten und sich ansonsten darauf einzurichten, Ihr weiteres Leben ohne Beziehung zu leben. Da sind Sie auf jeden Fall auf der sicheren Seite.
V: (Guckt verwirrt und überlegt)….Ich will Ihnen ja nicht widersprechen…aber ich glaube, ich möchte nicht mein ganzes weiteres Leben nur herumschwärmen und keine Beziehung mehr haben. Vielleicht kann ich ja doch lernen genauer hinzugucken.
P: Also, wie gesagt, ich bin da ein bißchen skeptisch, wenn ich mir Ihre schlimmen Erfahrungen vor Augen halte. – Denken Sie noch mal in Ruhe darüber nach, die Stunde ist sowieso zuende.
Machen wir noch einen neuen Termin aus: können Sie nächsten MIttwoch um 16.00 Uhr?
V: (noch immer verwirrt) Da muss ich mal sehen – oh, ich habe meinen Terminkalender vergessen. Ich glaube, ich kann, ansonsten rufe ich noch mal an. – Hm, komisch, irgendwie habe ich mir eine Therapie ganz anders vorgestellt.
Auf Wiedersehen, Frau Venus/Saturn.
© 2010 Heike Hoyer @ 4. Februar 2010
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Schlagwörter: Konstellationen, Venus-Neptun
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